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Piotr Mamnaimie , <a href='https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de' target='_blank'>CC BY-SA 2.0</a> (bearbeitet) akteur - geschehen machen
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Was tun? Was kaufen!

16. August 2015

Was tun, kleiner Mann, kleine Frau? Klein vor allem im Hinblick auf die Welt, die ja seit einigen Jahren wahlweise aus den Fugen bzw. dem Gleichgewicht geraten ist, dazu noch auf dem Kopf steht und gerade im Vollrausch gegen sehr massive Mauern gefahren wird. Das wird wenigstens tagtäglich an uns herangetragen, und wir können gar nicht mehr anders, als diese Gewissheit mit uns herumzutragen, ein bisschen so, wie man ein Taschentuch nicht mehr los wird, das nach dem Waschen als Fluselklumpen in unseren Hosentaschen klebt.

Mit Lenin fragte die Welt am Sonntag dann auch Ende Mai folgerichtig: „Was tun?“, und in der Zeit gab es die Story „Kleine Geschichte vom richtigen Leben“. In beiden Artikeln wird danach gefragt, wie wir heutzutage leben wollen und was wir alles unternehmen, um uns „gut“ zu fühlen. Es wird darüber gesprochen, wie es ist, ein Problem damit zu haben, dass es in der Welt Probleme gibt.

Bei der Lektüre dieser und ähnlicher Artikel wird irgendwann so eine kleine und wahnhafte Hoffnung geweckt, am Ende ein Tutorial vorgelegt zu bekommen, eine Liste mit klipp und klaren Anweisungen: Machʼ das hier auf jeden, das da aber auf keinen Fall, und, ja, das ist vielleicht eine gute Idee, aber: Vergiss es, das kannst du so nie und nimmer bringen. Solch ein Tutorial gibt es natürlich nicht, und die Anfangsfrage bleibt also dieselbe, nur dass sie jetzt ein wenig hin- und herreflektiert worden ist: Was tun, kleiner Mann, kleine Frau?

Was wir wissen: Es gibt genug zu tun. Überall. Um die Ecke, auf dem Mittelmeer, im Nepal, bestimmt auch irgendwo auf einer Insel im südöstlichen Archipel, vor irgendeiner chinesischen oder koreanischen Bucht. Das klingt in der Auflistung jetzt wie zynischer Spott oder lapidare Bösartigkeit. Tatsächlich ist es für mich die rhetorische Kapitulation vor diesem Wimmeln und Wuchern überall. Also nochmal, ein letztes Mal: Was tun, kleiner Mann, kleine Frau? Eine mögliche Antwort:

Bündnis deutscher Hilfsorganisationen © Aktion Deutschland Hilft

Kaputtheit allenthalben? Voilà, ein übersichtliches Spendenformular mit einem schicken farbigen Logo. (Und dann schnell essen, sonst wird die Frau in der Küche sauer.) Was bei diesem Clip des Zusammenschlusses Deutschland hilft auffällt: die Flutwelle an Bildern, die den Mann bedrängen, und das Angebot, das ihm gemacht wird, um sich ihrer zu entledigen. Beim wiederholten Ansehen des Videos wird einem klar, dass Werbung fürs Spenden nunmal auch Werbung ist, und Werbung arbeitet mit Angeboten – in diesem Fall dem Angebot zu spenden.

Jetzt sind es aber nicht nur Hilfsorganisationen wie Deutschland hilft oder die sog. actalliance, die Antworten auf die Frage „Was tun?“ geben wollen. In den letzten Wochen und Monaten sind mir Werbungen von Baumärkten, Handwerkskammern und Zigarettenmarken aufgefallen, die in dieselbe Kerbe schlagen:

Das Handwerk

Werbeplakat © Das Handwerk

macher-werbung_hornbach

Werbeplakat © Hornbach

An dieser Stelle kippt dieses ganze Gebilde rund um Engagement, Tätigsein und Macherei. Denn wie jeder andere Bereich gilt auch hier eine kapitalistische Logik. Das heißt vor allem: Konsumsituationen herstellen und den Menschen als Konsumenten denken und als Käufer an sich binden. Diese Ressource, das Tätigsein-Wollen, wird von der Werbung abgeschöpft. Jaja, ihr wollt was tun. Hier: Kauft Chester! Dann seid ihr nicht nur Raucher, sondern auch Macher. Oder: Kommt zu Hornbach, kauft euch einen Kupferstoßhammer und haut damit auf Dinge ein. Das nennt ihr dann: „Gestaltet mit Deinen Taten“. Diese Anzeigen arbeiten allesamt mit denselben Worten und denselben Aufrufen, und sie konkurrieren um dasselbe Gut, um das auch Hilfsorganisationen, Spendeninitiativen und Ehrenamtbüros konkurrieren: das Etwas-machen-wollen.

Vielleicht ginge es ja auch ganz anders – abseits der Idee, dass „Tat“ und „Aktivität“ eine bloße Ware sind. Vielleicht könnte man sich für ein zeitweiliges Untätigsein entscheiden, das keine Abschottung, Faulheit oder Verweigerung ist, sondern eine Art gesundes Verharren. Nach dem Motto: wenig, aber richtig. Das geht in die Richtung, die auch Tim in seinem Artikel einschlägt. Dort zitiert er den Wahlspruch Slavoj Zizeks: „Don’t act, just think.“ Vielleicht ginge es aber auch anders ganz anders – mit der Entscheidung nämlich, das angeblich „richtige“ Handeln nicht durch den Theorie-Fleischwolf zu drücken und sich stattdessen mit alltäglichen Gesten zu behelfen. Mit Gesten, die unmittelbar wirken und gar nicht darauf ausgelegt sind, als angeblich gutes oder richtiges Handeln ausgezeichnet zu werden. Und auf die sich die Werbeagenturen von Bauhäusern oder so ein Text wie dieser hier gar nicht erst stürzen können.

Chester
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  1. von Jonas Mayer

    Trotz richtiger Überlegungen ist der Aufruf zur Untätigkeit nicht gerade ungefährlich. Eine begriffliche Umdeutung hilft vielleicht weiter. Hinter jedem „machen/tun“, „engagieren“ oder „tätig sein“ etc. versteckt sich eigentlich ein bitteres „Verantwortung übernehmen“. Doch die im obigen Artikel angeführten Beispiele wollen das genaue Gegenteil: sie verkaufen dem Konsumenten Entlastung vom allzu anstrengend anmutenden verantwortlich für etwas sein. Dem Angebot dieses Produkts zu widerstehen fällt, gerade bei Hilfsorganisationen schwer. Die Tutorial-Gelüste sind zu mächtig. Doch nur so kommt man aus der Verharrens-Falle raus. Man muss die Verantwortlichkeit wieder lernen. Und zwar nicht in koreanischen Buchten, sondern ganz nah und ganz klein bei sich selbst. Und Sorgen um die Sichtbarkeit des Handelns haben nachrangig zu bleiben.

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