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Tanzen sollst du!

3. Juni 2015
„Und ich hörte irgendwie anders hin.“

Im Artikel Dein Sex ist so heiß hat Dominik vor ein paar Wochen über Sinn und Unsinn von Songtexten nachgedacht. Kurz nachdem ich seinen Text gelesen hatte, hörte ich im Radio die neue Single von Nena, „Lieder von früher“, und ich hörte irgendwie anders hin. Ich nahm den Songtext wortwörtlich und begann, Nenas Geträllere daraufhin abzuklopfen, was sie da überhaupt sang. Dass das zuerst durchaus spaßig und zweitens dann doch überraschend offenbarend sein kann, fiel mir insbesondere beim Refrain des Liedes auf, das als erste Singleauskopplung aus dem Album „Oldschool“ gerade auch über TV-Werbung promotet wird:

NENA – Lieder von früher

Der Refrain lautet: „Denn wir singen hier die ganze Nacht unsere Lieblingslieder, Lieder von früher. Und so tanzen wir die ganze Nacht zu unseren Lieblingsliedern, Liedern von früher.“ Würden Nenas Stimmbänder das mitmachen? Und würden ihre Beine die ganze Nacht durchtanzen? Würden deine 27jährigen Beine und Stimmbänder das mitmachen? (Eine Zielgruppenanalyse ergab dieses willkürlich erscheinende Alter.) Stundenlang und pausenlos zu Liedern von früher zu tanzen ist für mich nicht wirklich der wünschenswerteste Verlauf eines Samstagabends.

„Tanzen mal bester, mal schlechtester aller Zustände ist.“

Was mir das wortwörtliche Hinhören dann noch eingebrockt hat: Nenas Songtext ist stellenweise und auf erhellende Art dem Märchen „Die roten Schuhe“ von Christian Andersen ähnlich, das ich deswegen im Kopf behalten habe, weil es ein sehr bedrückendes Szenario entwirft. „So tanzte sie [ein kleines Waisenmädchen] fort, über Wiese und Feld, in Regen und Sonnenschein, bei Tag und Nacht, aber in der Nacht war es am gräßlichsten“, heißt es dort. Später wird es noch alptraumhafter: „Sie tanzte in den offenen Friedhof hinein, aber die Toten dort tanzten nicht, sie hatten Besseres zu tun, als zu tanzen.“ Ein Engel gibt ihr zusätzlich die überaus einfühlsame Anweisung: „Tanzen sollst du!“, „tanzen mit deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt wirst, bis du zu einem Gerippe zusammenschrumpfst. Tanzen sollst du von Tür zu Tür!“ In beiden Fällen: Tanzen als Dauerzustand. Nur dass es einmal der beste, das andere Mal der schlechteste aller Zustände ist.

Besser als James Blunts heimelige Retro-Schmonzette „1973“ ist Nenas „Lieder von früher“ dann wahrscheinlich doch. Bei Blunt heißt es: “And though time goes by, I will always be in a club with you in 1973 singing: Here we go again.” In einem endlosen imaginären Loop immer und immer wieder „Jetzt gehen wir nochmal ab“ mit James Blunt an meiner Seite zu singen, erscheint mir irgendwie suboptimal. Ich bin mir natürlich bewusst, dass die anzitierten Texte metaphorisch funktionieren, dass sie zwar eine konkrete Situation nennen, diese dann aber der Heraufbeschwörung eines bestimmten Gefühls dient. In Nenas und Blunts Fall ist es halt dasjenige einer partywütigen Nostalgie. Dennoch schwingt das Ausgesprochene als Gehalt mit.

Eine ähnliche Erfahrung machte ich, als ich letztes Jahr als Vertretungslehrer in einer 6. Klasse Musik unterrichtete. Die Schüler arbeiteten an ihren Sing- und Tanzperformances, um sich auf eine Mini-Playbackshow am Ende des Schuljahres vorzubereiten. Drei Mädchen hatten sich zusammengetan und übten vor der Klasse ihre Choreographie zu Taio Cruz‘ „Hangover“.

Taio Cruz ft. Flo Rida – Hangover

Beim Refrain umstreichelten sie mit der einen Hand ihre 12jährigen Hüften, während sie mit der anderen eine Bierflasche formten und so taten, als ließen sie sich volllaufen. Die Klasse applaudierte und johlte, ich nickte bloß ein Lehrernicken. Eigentlich hatte ich mir überlegt, die Tonleiter zu üben. Auf Nachfrage erzählten die Mädchen dann voller Stolz, die Musiklehrerin selbst habe ihnen die Moves beigebracht.

In beiden Fällen, bei Nenas Song und bei der Performance zu „Hangover“, ergab sich eine zusätzliche Perspektive auf unsere Feierwütigkeit. Mal die Einsicht, dass Tanzen als Zeichen bedingungsloser Gutgelauntheit und Lebensfreude promotet wird, auch wenn es eigentlich mehr an Andersens Schreckensvision eines zwanghaften und schmerzvollen Zappelns erinnert. Und mal die Beobachtung, dass die Lust, sich partymäßig zu verausgaben, schon Heranwachsenden über die Songtexte vermittelt wird und dass dieses Feiern (und der Hangover danach) notwendige Ausweise dafür sind, dass wir voller Lust und Spaß selbstvergessen leben. Man kann diese ganze Metaphorik natürlich auch einfach als Schnickschnack abtun und es wie Luca Hänni machen, der ganz unverhohlen und ohne jeden doppelten Boden singt: “Let’s go out tonight and dance until we die.“ Schlimmer geht’s bei Andersen dann auch nicht.

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