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Magnus Manske, <a href='https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de' target='_blank'>CC BY-SA 2.0</a> (bearbeitet) akteur - geschehen machen
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Musik und was sie mit uns macht

9. August 2015

Lieber Brian,

vor einigen Wochen war ich auf einem Festival, auf dem deine Band Placebo spielte. Ich muss dir leider gestehen, dass ich zunächst nicht vorhatte, zu deinem Konzert zu gehen, denn das erschien mir so schön und sinnlos wie einer längst vergangenen Erinnerung nachzuhängen. Deine Musik gehörte für mich der Vergangenheit an und war für mich zu einer Erinnerung an ein Ich geworden, das mit 15 Jahren für Ryan Phillippe schwärmte und “Every me, every you” auf dem Schulweg hörte.
Mit der Unvoreingenommenheit, die nur der Zufall mit sich bringt, stand ich dann dennoch vor deiner Bühne. Du warst da, sahst genauso aus wie vor zehn Jahren und hörtest dich auch genauso an. Mit der Musik ist es so eine Sache, manche Lieder gehören zu einer bestimmten Zeit, andere Lieder begleiten uns fast täglich im Radio, ohne dass wir ihnen weiter Beachtung schenken. Und manchmal berührt die Musik uns eigenartig, so wie an diesem Abend. Nimmt die Gefühle einfach mit, klopft sie einmal durch und schiebt sie wieder zurück. Die beschwipste Glückseligkeit, die ich noch zuvor hatte, war weg und stattdessen fühlte die Musik sich an wie ein schwerer, aber sehr schöner und angenehm runder Stein in meinem Bauch. Und als ich dich so betrachtete, fast stillstehend auf der Bühne, so traurig und so schön, beschloss ich diesen Brief zu schreiben, ohne zu wissen, worüber ich eigentlich schreiben wollte.
Ich kann nicht sagen, ob deine Musik uns, die vor der Bühne standen, ein ähnliches Gefühl vermittelte und nicht einmal, ob es deine Intention war, mir dieses Gefühl zu vermitteln. Seitdem habe ich mir Gedanken gemacht und inzwischen ist mir klar geworden, worüber ich gerne schreiben würde – über Musik und über das Gefühl, das sie mir manches Mal gibt. Da es allerdings fast nichts Schwierigeres gibt, als über Gefühle zu schreiben, und die Gefahr bedeutungsschwerer und -leerer Wörter stets lauert, versuche ich es mal über eine Betrachtung des Gegenstandes.
Obwohl sich durch die Musik etwas in mir verändert hat, als ob du mir eine Geschichte ohne Worte erzählen würdest, die mich berührt und durcheinander bringt, ist die Wirkung von Musik doch eine andere. Durch sie wird gewöhnlich keine Botschaft, kein intendierter Inhalt von einer Person zu einer anderen übermittelt: Noch selten habe ich mich, nachdem ich ein bestimmtes Lied gehört habe, aufgefordert gefühlt, etwas Bestimmtes zu tun. Kaum ein Lied hat mich argumentativ von einer alternativen Sichtweise überzeugt. Oft weiß ich nicht einmal, was ich da eigentlich gerade gehört habe. Statt von Verstand und Kommunikation geprägt zu sein, scheint Musik irgendetwas mit meinen Emotionen zu machen – das Magazin Wired schrieb irgendwann einmal, dass die Geschichten, die die Musik erzähle, subtile und einfache sind, die dennoch universelle Nerven zu kitzeln scheinen.

Dennoch oder gerade weil?

Von unserer Sprache unterscheidet sich Musik, solange wir nur die Töne und nicht den Text betrachten, dadurch, dass den einzelnen Tönen oder Tonsequenzen keine festgelegte Bedeutung zugeordnet ist. Eine Tonfolge hat keine inhärente Bedeutung, und so vermag auch der Wagnerkenner dem Rheingold-Motiv nur deshalb etwas zuzuordnen, weil er die Tonfolge oft genug im selben Zusammenhang gehört hat. Die ZEIT fragte sich zum 200sten Geburtstag von Richard Wagner „Wie aber klingen Gier, Wonne und Tod?“ und findet erst einmal keine Antwort.
Chilly Gonzales, der Pianist und Musik-Erklärbär, hingegen schon: F*ck Wagner, den antisemitischen Arsch. Chilly Gonzales beschäftigt sich nicht nur mit Wagner, sondern erklärt uns darüber hinaus auch noch, anhand von Taylor Swifts grandiosem Ohrwurm “Shake It Off”, warum manche Songs uns emotional so gut reinlaufen. Manche Töne, Akkorde und Melodien rufen bei uns ähnliche emotionale Reaktionen hervor, besonders durch die geschickte Wiederholung und Variation der Melodien finden wir einen Zugang zum Lied. Das muss ich allerdings weder verstehen noch wissen, um Taylors Lieder großartig zu finden. Und so frage ich mich, ob ich aus dem dennoch nicht ein gerade weil machen sollte – keine elaborierte Geschichte, Bedeutung und Verstehen stehen endlich einmal nicht im Vordergrund, Gehirn aus und so, und gerade deshalb Wirkung.
Vielleicht sollte ich an Chilly auch mal einen Brief schreiben und ihn fragen, wie der Stein in meinen Bauch kommt? Vielleicht lasse ich das aber auch lieber, denke lieber an Ryan oder Brian oder Taylor und hör mal der Musik zu.

Liebe Grüße

deine Maria

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