Login
Agnieszka Krolik, <a href='http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/' target='_blank'>CC BY-SA 4.0</a> (bearbeitet) akteur - geschehen machen
ARTIKEL ZURÜCK

Markus Beckedahl, der “Landesverräter”?

3. August 2015

Nach einem Sturm öffentlicher Entrüstung musste Generalbundesanwalt Harald Range seine Klage wegen Landesverrats zurückziehen. Doch wer ist eigentlich der Netzpolitik.org-Blogger Markus Beckedahl?

Mal ehrlich, als Ende letzter Woche ein Sturm der Entrüstung in Zeitungen, Radio und Fernsehen tobte, dürften die meisten sich gefragt haben: Was bitte ist netzpolitik.org und wer zum Henker ist dieser Markus Beckedahl? Wen hat der Generalbundesanwalt Harald Range da am Donnerstag eigentlich wegen Landesverrats angeklagt? Wer steht hinter dem Blog, der für so viel Unruhe in der deutschen Medienlandschaft sorgte?

+

“Wie es zu den Ermittlungen gegen die Blogger kam”, könnt ihr bei Sueddeutsche.de nachlesen. Außerdem beantwortet Tagesschau.de die wichtigsten Fragen zu den Ermittlungen, unter anderem wann der Generalbundesanwalt ermittelt, ob er in diesem Fall ermitteln musste und was es bedeutet, wenn ein Ermittlungsverfahren “ruht”.

Update am 04. August 2015:

Heute ist auf Tagesschau.de eine Chronologie der Ereignisse erschienen.

Ein Leben für die Netzpolitik

Der breiten Öffentlichkeit ist er kaum bekannt, doch unter Programmierern, Webdesignern und Online-Marketern kennt fast jeder den Namen Markus Beckedahl. Der Journalist und Lobbyist ist eine der lautesten Stimmen der Netzgemeinde, jenes losen Verbundes von Menschen, die “irgendwas mit Internet” machen. Beckedahl begründete 2010 die Digitale Gesellschaft, die die Chancen des digitalen Wandels ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins rücken möchte. Er ist Mitveranstalter der Re:publica, der größten Messe für Internetschaffende in Deutschland. Seine Agentur newthinking communications berät politische Institutionen bezüglich ihrer Internetauftritte. Und auch Beckedahl selbst ist politisch sehr aktiv. Glaubt man Sascha Lobo, so hat er die populären Gesetze zur Netzneutralität durch seine Lobby-Arbeit im April 2014 quasi im Alleingang durch das EU-Parlament in Brüssel geboxt. Beckedahls Hauptprojekt ist und bleibt aber der Blog netzpolitik.org.

+

“Netzneutralität bezeichnet die Gleichbehandlung von Daten bei der Übertragung im Internet und den diskriminierungsfreien Zugang bei der Nutzung von Datennetzen. Netzneutrale Internetdienstanbieter behandeln alle Datenpakete bei der Übertragung gleich, unabhängig von Sender und Empfänger, dem Inhalt der Pakete und der Anwendung, die diese Pakete generiert hat. Erfunden und durch jahrelange politische Aktivität geprägt hat den Begriff der amerikanische Jurist und Programmierer Tim Wu im Jahr 2002.”

Quelle: Wikipedia.org

Netzpolitik.org: der Stein des Anstoßes

Bereits seit 2004 ist Markus Beckedahl Chefredakteur des Blogs netzpolitik.org und hat ihn zu einer Institution unter Nerds ausgebaut. Bis zu 1,3 Millionen Klicks generiert die Seite monatlich. Die Kern-Redaktion besteht aus nur 5 Mitarbeitern. Doch die Wirkung ist ungleich größer. Überdurchschnittlich viele Internet-Schaffende haben den Blog bei Twitter oder Facebook abonniert oder in ihren RSS-Reader aufgenommen. Blogger verlinken netzpolitik.org fast so häufig wie Wikipedia. Artikel des Blogs stoßen sehr oft Debatten an, die noch tagelang in sozialen Medien diskutiert werden. Die Themen sind Politik und digitaler Wandel: Netzausbau, Netzneutralität, Urheberrecht und Datenschutz. Vor allem aber: die NSA-Spionage.

Seit Edward Snowden im Sommer 2013 die Massenspionage der NSA öffentlich machte, hat sich netzpolitik.org dem Thema verschrieben. Die Redaktion strengte mehrere Klagen vor deutschen und europäischen Gerichten gegen Datendiebstahl an, veröffentlichte Podcasts und Experteninterviews, und Redakteur André bloggte regelmäßig live aus dem NSA-Untersuchungsausschuss. Beinahe jede Woche gelang es dem Blog dabei, neue Details zu Tage zu fördern. Zum Beispiel, dass das Bundeskanzleramt Ermittlungen der Bundesnetzagentur gegen deutsche Internet-Unternehmen verhinderte. Markus Beckedahl vermutet: Gerade wegen seiner Berichterstattung über deutsche Behörden und deren Verwicklung in die NSA-Spionage soll netzpolitik.org mundtot gemacht werden. „Ich bewerte das ganz klar als Einschüchterungsversuch”, sagte er der ARD.

Landesverrat?

Die Klage gegen netzpolitik.org wurde mittlerweile fallen gelassen. Und das ist kein Wunder. Die Artikel des Blogs sind pointierter verfasst und propagieren offener die eigene Meinung als wir es aus klassischen Medien gewohnt sind: Doch was dort geschrieben wird, ist zweifellos Journalismus. Und wer Medien und Journalismus in Deutschland angreift, muss damit rechnen, dass Medien und Journalisten sich auch dagegen wehren. Dass etablierte Medien von Tagesschau und Deutschlandradio bis FAZ und Süddeutsche empört reagierten, war also abzusehen. Ebenso, dass sich auf Twitter – unter dem Hashtag #Landesverrat – ein riesiger Shitstorm bilden würde. Denn gerade für das Publikum der online-affinen Social-Media-Nutzer ist netzpolitik.org eine Institution.
Der öffentliche Aufschrei in klassischen und in digitalen Medien hat dazu geführt, dass Range seine Klage zurückzog und nun sogar um seinen Job fürchten muss. Markus Beckedahl wird sich darüber freuen. Durch die Medienaufmerksamkeit dürfte sein Blog nun noch mehr Besucher bekommen.

Kommentare

Datei auswählen

Deine E-Mail-Adresse wird selbstverständlich nicht veröffentlicht.


3 Gründe, warum du dich anmelden solltest, findest du hier.