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Kurz vorm Einschlafen noch mal zweifeln

31. Mai 2015

Kurz vor dem Einschlafen, nicht mehr richtig wach und noch nicht eingeschlafen, fühle ich mich wie ein Bauklötzchenturm aus Steinen, die nicht richtig aufeinander passen, aufeinander umherrutschen und umzufallen drohen. Kopf, Hals, Herz, Bauchnabel, Po, und beide Beine wollen/bewegen sich in verschiedene Richtungen und obwohl ich liege, drohe ich umzufallen.

„Die Welt ist komplex, keiner blickt mehr durch, und es gibt so viele Mittel, dass niemand mehr den Zweck erkennen kann.“ - brandeins

Als notorisch müde Person schlafe ich normalerweise notorisch schnell ein. Wenn nicht, kann das vielleicht noch am Vollmond liegen, denn dann bin ich davon überzeugt, nicht schlafen zu können, ob er da ist oder nicht. Gestern habe ich von keinem Vollmond gehört, kein Grund also, nicht zu schlafen. Trotzdem liege ich wach und denke an Dinge, die ich noch tun soll, muss, möchte: eine E-Mail an meinen Prof senden, meine Bestimmung finden und glücklich werden, die Nebenkostennachzahlung an meine Vermieterin überweisen, mein Fahrrad putzen und die Welt verändern.

Wie ich die Welt am besten verändere, darüber informiere ich mich am liebsten in TED-Talks. Ob, wie JR es sich wünscht, durch Kunst, wie Jamie Oliver durch Essen oder einfach durch eine einfache Revolution des Bildungssystems, alles ist möglich. Mein Kopfklötzchen zieht es dabei Richtung Kunst, meine Herzscheibe Richtung Bildung und mein Bauchnabel will einfach liegen bleiben.

Gerade habe ich in der ZEIT Campus gelesen, hinter welchen Erfahrungen ich mit 18, 19, 20, 21… ein Kreuzchen gemacht haben sollte. Ausland mit 21, mehr als sechs Sexualpartner mit 23, Studium beenden mit 25, Revolution anzetteln mit 27 (inklusive Vorbilder Karl Marx, Martin Luther King und Che Guevara) und schließlich mit 30 auch noch einen Beitrag zur Wissenschaft leisten. Obwohl die Autoren diese Ziele schlussendlich nur als „angebliche“ Ziele entlarven, macht mich das Lesen des Artikels vor allem eins: nervös. Sind das auch meine Ziele, sollten sie es überhaupt sein und wenn nicht, was möchte ich stattdessen von meiner to-do-Liste des Lebens abhaken?

Dass to-do-Listen sich besser für den Einkauf bei Rewe eignen als für die Lebensplanung, scheint zunächst einleuchtend. Dennoch findet sich der Rat, Listen zu machen, sich Ziele zu setzen und zu notieren, einen 5-Jahresplan für Karriere, Freundschaften und Familie gut sichtbar über das Bett zu hängen, bei jeder Studienberatung, in Karrierecoachings, in Zeitschriften und Ratgebern. „Wo willst du hin?“ titelte das Wirtschaftsmagazin brandeins in der letzten Ausgabe und diskutierte über die Zukunftsbezogenheit von Zielen, deren Sinnigkeit und Kulturspezifik sowie den Mangel am Zweck des Zwecks. Oder anders gesagt, die generelle Ziellosigkeit aufgrund von fehlenden gesamtgesellschaftlichen Zielen. Stecken wir nicht unmittelbar und selbst in einer Hungersnot, einem Krieg oder einer sonstigen Existenzkrise, sehen wir den Wald vor lauter Zielen nicht mehr. „Die Welt ist komplex, keiner blickt mehr durch, und es gibt so viele Mittel, dass niemand mehr den Zweck erkennen kann“, schreibt brandeins. Das leuchtet mir nicht nur in meiner potenzierten Verwirrtheit kurz vor dem Einschlafen ein.

Auch meine kleinen Alltagerledigungen scheinen mir wie Ziele ohne Zweck (und macht nicht gerade das ein Ziel aus?): Warum eigentlich die Mail, wie wichtig ist das saubere Fahrrad, und wie war das noch mit der Verbesserung der Welt? Brandeins bezeichnet eben dieses letzte Ziel – die Verbesserung der Welt – ohnehin als hohle Phrase, Standardantwort eines jeden Sinnsuchenden, sinnentwertet in einer Sinnkrise, zugleich aber Zeichen dafür, dass die „Moderne ihre Ziele so gründlich erreicht hat, ihre Arbeit so derart gut gemacht hat, dass nur noch wenig zu tun bleibt“. Was bleibt, ist Verwirrung, Untätigkeit und Unzufriedenheit. Ist mein Problem also tatsächlich, dass ich keine Probleme mehr habe?

Kein Wunder, dass mir diese Lektüre bei meinem Einschlafproblem nicht weiterhelfen kann. Es passiert, was nach allzu langem Nachdenken über sich selbst und die Welt häufig passiert – keine Lösung ist in Sicht, weder für mich und meine Schaflosigkeit, noch für die Welt, stattdessen völlige Verzweiflung ob der eigenen Untätigkeit und Ziellosigkeit. Dazu noch Schuldgefühle, denn wollte ich nicht, verdammt noch mal, über die Welt nachdenken und nicht nur über mich?

Der Wunsch, über einen 10-Punkte-Plan einer Zeitschrift für Studenten zu meinem innersten Selbst zu finden und dabei gleich noch die Welt zu verändern, ist an sich schon wenig sinnvoll. Zu tun, was alle tun und dabei nach Individualisierung streben, steht sich entgegen. Zumindest machen es die Häkchen hinter Ausland, Sex und Studienabschluss nicht wahrscheinlicher, dass ich der nächste Martin Luther werde, nicht einmal, dass ich eine bessere Maria in einer besseren Welt werde.

Mein Bauklötzchenturm steht allerdings noch, sowohl vor dem Einschlafen als auch danach. Und die Maßnahme, die ich am nächsten Tag ergreife, ist dieser Text. Keine Lösung, aber zumindest ein Resultat.

Kommentare

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  1. von Maria Mast

    Schöner Antwortversuch von Mark Manson: http://markmanson.net/being-average#.rmfueg:sB3yReference

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