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Kreidespuren in Heidelberg – Aktion zum “Tag der Sinti und Roma”

28. Juni 2015

Am 8. April 2015 war der offizielle „Tag der Sinti und Roma“. Die junge Heidelberger Künstler*Innen-Gruppe „ufuk“ nahm das zum Anlass, eine Performance des Gesprächs und der Sichtbarmachung aufzuführen.

„Sinti und Roma? Früher nannte man die halt Zigeuner!“ Das ist der flapsige Kommentar eines Passanten in der Heidelberger Hauptstraße, nachdem er aufgeschnappt hatte, dass die vor ihm ablaufende „Kunst-Aktion“ irgendwas mit den Sinti und Roma zu tun habe.
Bei dieser ziehen mehrere junge Menschen Linien mit weißer Kreide durch die Heidelberger Innenstadt – einige haben die Kreide an einen Stock geklebt, andere krümmen sich Richtung Boden oder laufen in der Hocke, während weitere „ufuk“s Interviews mit aufmerksam gewordenen Passanten führen. Der eingangs zitierte Herr hält nicht viel von politisch korrekten Bezeichnungen und nennt die Sinti und Roma im Brustton der für ihn unproblematischen Eindeutigkeit „Zigeuner“. Doch welche Assoziationen kommen bei diesem Wort auf? „Heimatlos – schmutzig – Wanderzirkus – Wahrsager – barfuß – isoliert – schöne Frauen – viele Kinder…“ Eine Mischung aus romantisch-folkloristischer Verklärung und latenter Fremdenfeindlichkeit, was oftmals nahe beieinanderliegt. Im Wikipedia-Artikel zum sog. Antiziganismus (dem Fachbegriff für Zigeunerhass) wird auf das altehrwürdige Meyers Konversations-Lexikon von 1888 verwiesen, in dem es heißt: „Was den Charakter der Zigeuner anlangt, so sind dieselben leichtsinnig, treulos, furchtsam, der Gewalt gegenüber kriechend, dabei rachsüchtig, im höchsten Grad cynisch und da, wo sie glauben es wagen zu können, anmaßend und unverschämt. Alle sind dem Betteln ergeben, gestohlen wird besonders von den Weibern und Kindern.“ Dass diese Stereotypen immer noch im Umlauf sind, zeigt beispielsweise ein Gespräch mit einigen Jugendlichen. Diesen fällt zu den Sinti und Roma nur ein, dass die doch im Asylantenheim wohnten und Kinder klauten, manchmal sogar ihre Fahrräder. Auf Nachfrage, woher sie wüssten, dass es die Sinti und Roma wären, die ihre Fahrräder stehlen würden, antwortet ein Junge ein wenig unsicher: „Weil das sehr viele sagen!“ – wahrscheinlich die Eltern.

ufuk

Kunstaktion in Heidelberg © ufuk

Soweit die ernüchternde Seite. Gibt es noch eine andere? Glauben die Leute das wirklich? Was weiß „man“ denn so über diese „Minderheit“?
Fragen wie diese sind es, die die Künstler*Innen-Gruppe „ufuk“ beschäftigen und bewogen haben, am „Tag der Roma“ mit Menschen auf der Heidelberger Hauptstraße ins Gespräch zu kommen. Die Geste des Aufklärens wird bewusst vermieden, dafür ist nicht zuletzt das eigene Unwissen zu präsent. Vielmehr sollen eigene Erfahrungen und Einstellungen überhaupt erst thematisiert und bewusst gemacht werden.

Kreidespuren © ufuk

Dabei dient das Ziehen der weißen Linien am Boden als Irritationsmoment, das zur Auseinandersetzung anregt und gleichzeitig dazu verhilft, die einseitige Interviewsituation aufzubrechen, da es seitens der Passanten Anlass bietet, Fragen zu stellen. Die Fragenden werden dadurch „Teilnehmer“ der Aktion, die gerade nicht passiv belehrt werden, sondern angeregt durch die Linien in eine Auseinandersetzung treten. Darüber hinaus sind die Linien Verbindungslinien: Sie werden durch die Altstadt vom Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma bis zum Heidelberger Kunstverein gezogen. Beide Institutionen widmen sich dem Schicksal der Ethnie – erstere dauerhaft, der Kunstverein temporär: Von Februar bis April 2015 war die Ausstellung „Wir leben im Verborgenen“ mit und über die Künstlerin Ceija Stoijka zu sehen. Stoijka war selbst Roma, litt unter der NS-Verfolgung, überlebte mehrere Konzentrationslager und verarbeitete ihre Erlebnisse in Malerei, Grafik und Schrift. Gleichzeitig war die Künstlerin politisch aktiv, beteiligte sich stark an Zeitzeug*Innen- und Aufklärungs-Arbeit über das Dritte Reich, vor allem für Kinder und Jugendliche.
Die weißen Linien schaffen für kurze Zeit eine ästhetisch-sichtbare Verbindung zwischen beiden Orten. Nach ein paar Stunden sind die Kreidespuren verwischt; die Erinnerung und Reflexion – so die Intention von „ufuk“ – soll fortgesetzt werden.

Über ufuk

ufuk bedeutet (un)freie (Un)Klasse und hat sich Ende 2014 gegründet. Die Kunstgruppe praktiziert selbstorganisiertes Lernen/Arbeiten/Kunstschaffen und besteht aus Künstler*Innen, Philosoph*Innen und Pädagog*Innen. Erste Aktionen waren eine
Performance zum Tag der Roma (8. April 2015) in der Heidelberger Altstadt und eine Ausstellung während des Heidelberger Lady*fests (Juni 2015).

Kontakt: ufuk@posteo.de

ufuk

Kunstaktion in Heidelberg © ufuk

Die nächsten Aktionen

1. Aktion gegen die geplante Asylrechtsverschärfung am Dienstag, 30.Juni

Das „Gesetz zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung“, über das am 02. Juli im Bundestag abgestimmt wird, schafft die rechtliche Grundlage für verschärfte Abschiebe- und Inhaftierungsmöglichkeiten. Dagegen will „ufuk“ sich engagieren. Jede Hilfe ist willkommen! Wer mehr wissen möchte: ufuk@posteo.de


2. „Wem gehört die Stadt?“

Ausstellungseröffnung und Performance der Künstler*Innen-Gruppe
„ufuk“ am 9.7.2015 um 18 Uhr

Zeitgleich zur Ausstellungseröffnung des Projekts „Wem gehört die Stadt?“ wird eine Kunstaktion/Performance der Heidelberger Künstler*Innen‐Gruppe „ufuk“ gemeinsam mit den Teilnehmenden des Projekts am alten Bahnhofsplatz in Wiesloch stattfinden.
Anhand von Handlungsanweisungen (z.B. „Die Stadt ist so grau. Mache sie mit Kreide bunter“, „Du bist müde, zeichne dir mit Kreide ein Bett und lege dich schlafen“) werden sich die Kunstschaffenden den Stadtraum aneignen und die Gäste zur Interaktion auffordern.

Zusatzinfo

„Buchpräsentation: Am Dienstag, den 30. Juni 2015 wird ab 19:30 Uhr im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma der zweite Band der Buchreihe des International Tracing Service (ITS) vorgestellt. Der Band trägt den Titel „Entwurzelt im eigenen Land: Deutsche Sinti und Roma nach 1945“ und beschäftigt sich mit den deutschen Sinti und Roma, die den NS-Genozid überlebten und versuchten, sich im eigenen Land ein neues Leben aufzubauen, oder zu emigrieren.“

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