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akteur - geschehen machen
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II Hurt

3. April 2016
»If I could start again / a million miles away, / I would keep myself, / I would find a way.« - Nine Inch Nails, Hurt

Liebe Maria,

entschuldige bitte, was ich zuletzt geschrieben habe, war nun wirklich nichts Neues. Vielleicht kann ich nochmal neu irgendwo anders ansetzen. Dafür will ich dir ein paar Zeilen über deinen Brief an Brian schreiben.
Bei mir ist das nämlich ganz anders. Ich erlebe die Musik, in die ich mich früher tief versenkt habe, heute ganz anders als du. Weil ich die Musik nicht als Träger universeller Botschaften wahrnehme. Ganz im Gegenteil, was ich höre, gehört nur mir. Natürlich verfallen alle leicht Verliebten gleich in eine sicherlich tief empfundene Melancholie, wenn sie Brians Every me, every you hören. Hilfreich ist dazu sicherlich, dass die allermeisten davon erstmal an Ryan oder Reese denken. Das muss Liebe sein, oder? Das habe ich versucht zu sagen. Dass solche Filme und die passende Musik dazu uns ein Bild von etwas vermitteln, das nicht uns entspricht. Wer weiß schon mit 15, was Liebe ist? Also hört man darauf, was einem ein Film davon erzählt, und erwartet nun von der Liebe, dass sie einem auf die gleiche Art geschehe, wie sie uns vorgespielt wird. Als ob es ein bestimmtes Gefühl gäbe, das uns der Film und die Musik vermitteln wollen, das wir alle gleichermaßen verstehen könnten. Früher glaubte ich das vielleicht noch, weil ich keine Ahnung hatte, weil es mir nicht passiert ist. Aber mir ist es nicht passiert, weil es nicht so aussah wie in dieser Hochglanzproduktion eines Stoffes aus dem 18. Jahrhundert.
Splitshire


Wenn ich heute aber das Lied höre, dann höre ich nicht, wie universelle Gefühle in mir entstehen, die ich von früher kenne und die heute wieder die gleichen sind, weil die Musik die gleiche geblieben ist. Was mir das Lied vermittelt, ist das ureigene Gefühl, das ich damals beim Hören hatte, das Gefühl, das ich mir damals eingeredet habe. Heute, da ich herausgefunden habe, was es mit Begehren, Zurückweisung und Befriedigung auf sich hat, teilt mir die Musik nichts Fremdes mehr mit, sondern selbst Erlebtes. Und da jeder bei dem Lied etwas anderes erlebt und erfühlt hat, teilt dieses und jedes Lied jedem etwas anderes mit. Aber eben nichts Abstraktes, sondern etwas sehr Konkretes. Keine auf authentisch getrimmten Posen, wie ich sie meinen Idolen aus Musik und Literatur früher blindlings abgekauft habe, sondern meine eigenen hilflosen Versuche, aus meiner eigenen Gefühlswelt, die so ganz anders ist als alles, was mir meine Idole damals erzählten, eine persönliche, eine individuelle Haltung zu formen. Wenn ich meine alten Lieder höre, ist es eher so, dass dadurch die Vergangenheit ihren Weg in die Gegenwart findet, als dass ich dadurch versuche, zurück in die Vergangenheit zu gelangen.

Liebe Grüße
Leonard

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