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akteur - geschehen machen
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Fol-low-er

17. Mai 2015

Neulich durften Schüler einer 7. Klasse ihre Lieblingsstars vorstellen. Das machen sie natürlich gerne, weil das etwas mit ihnen und ihrer Identität zu tun hat. Ich freute mich auf Justin Bieber und Miley Cyrus – ersterer ist hot, letztere vielleicht cool, immerhin ein wenig kontrovers.

Ich hatte mich getäuscht. Diese weit entfernten, schwer fassbaren Pop-Idole stellen nur noch eine traurige Minderheit. Cool sind die sogenannten Youtube-Stars. Die gesamte männliche Schülerschaft präsentierte kurze Videos, in denen mittelalte berühmte „Gamer“ in ihren Ikea-Zimmern online Spiele zocken, sich dabei filmen und ein wenig aus ihrem Privatleben erzählen. Banaler geht’s nicht. Und erfolgreicher auch nicht: Der berühmteste „Let’s-Player“ oder „Vlogger“ (Video+Blogger) nennt sich PewDiePie, spielt seit Monaten das Survival Horror Game „Amnesia: The Dark Descent“ und hat beeindruckende 33 Millionen Follower (mehr als One Direction!). Der 25-Jährige ist Millionär. Noch dazu sieht er gut aus (Schwede) und beherrscht diesen schlimmen Internethumor souverän: In knallbunten, zu schnell geschnittenen Image-Videos kommt seine Stimme aus dem Off, während er mit putziger Mimik einfach so verschiedene Dinge tut.

Fast noch interessanter sind die sog. Haul-Videos, auf die der Philosoph Byung-Chul Han gerne hinweist: Mädchen kaufen bei Primark neue Kleider, jedoch nicht um sie wirklich zu tragen, sondern um sie in Haul-Videos auf Youtube zu präsentieren. Der Gebrauch der Produkte ist vom Konsum abgekoppelt. Man konsumiert um des Konsums willen. Und macht für die Konzerne die beste Werbung.

Was mich so stutzig machte, war der neue Grad an Passivität. Denn Zocken ist doch schon ein sehr reduziertes Handeln in einem sehr abstrakten Raum, warum das noch potenzieren? Was kommt dabei rum? Ist das nicht die totale Entfremdung? Aber nicht nur bei den Jugendlichen lässt sich dieses Phänomen beobachten: Wir schauen Pornos, damit wir nicht mehr selber Sex haben müssen, und wenn wir Sitcoms glotzen, dann nimmt uns die sogenannte Lachkonserve die lästige Mühe des Lachens gleich noch mit ab. Das Wirtschaftsmagazin „Brandeins“ hat das wichtigste Neuerungsmerkmal der
Youtuber gegenüber den klassischen Stars so beschrieben: „Youtuber berichten direkt aus ihrem Umfeld, nicht darüber. Der Kontakt zum Publikum ist eng.“ Das Leben der anderen wird – scheinbar – unmittelbar erlebt. Warum dann noch selber mitspielen?

Wie läuft das in Zukunft? Schauen wir bald anderen beim Kochen und Essen zu – eine Argentinierin tat das sehr erfolgreich nackt, bis Youtube sie sperrte – , während wir selbst Pampe aus Tuben in uns hineinpumpen? So nach dem psychoanalytischen Motto: Das Begehren ist das Begehren des Anderen! Die Wünsche der anderen, insbesondere der Vlogger und Youtuber, sind im Grunde die meinen, und wenn die ihre erfüllen, dann erfüllen sie meine automatisch für mich mit, ohne dass ich sonderlich aktiv werden müsste.

Die inszenierte Lustbefriedigung von PewDiePie reicht locker für seine 33 Millionen Follower. Um das zu garantieren, müssen sich die Abonnenten unbedingt mit Haut und Haar mit den Youtubern identifizieren – nur dann funktioniert die Übertragung der eigenen Wunscherfüllung. Deshalb müssen die Vlogger auch so wahnsinnig authentisch sein. Sie lassen uns an ihren echten Problemen in Echtzeit teilnehmen, vertrauen uns ihre echten Probleme an und platzieren nebenbei noch echte Produkte in ihren Videos. Authentizität ist ihr ganzes Kapital, was den allseits beliebten Böhmermann natürlich misstrauisch machen muss und zu einem schönen Beitrag animiert hat:

Eier aus Stahl © Neo Magazin Royal

Ach, bei sowas verfällt man zu leicht in die Geste des: „Früher war alles besser!“ Die 7.-Klässler sind viel netter, als ich es in ihrem Alter war. Vielleicht habe ich sie einfach verpasst, die Bewegung der „digital natives“ und ihrer Youtube-Anführer, die nach dem Satz leben: „Selbst wenn Du alles zeigst, gibst Du sehr wenig preis.” (Zitat der Künstlerin Amalia Ulman)

Kommentare

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  1. von Andreas Wundersee

    Ich frag mich auch was die mit dem ganzen Zeug machen – verschenken, größere Schränke kaufen, wegschmeißen?! Die können doch unmöglich alles regelmäßig verwenden…Reference

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