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Es gibt nur einʼ Rudi Völler – oder doch nicht?

29. April 2015

Rudi Völler ist eine deutsche Fußballlegende. Weltmeister, Stilikone, polarisierende Figur – außergewöhnlich in den Augen seiner Anhänger. Während der Weltmeisterschaft 2002, als „Tante Käthe“ die deutsche Nationalelf als Teamchef bis ins Finale führte, erfreute sich ein Lied, das Völler mit einem Augenzwinkern glorifizierte, großer Beliebtheit: „Es gibt nur einʼ Rudi Völler“, grölte der geneigte Fußballfan zur Melodie des kubanischen Klassikers „Guantanamera“. Die Bedeutung dieser Aussage ist ziemlich eindeutig: Völler – als Fußballer, als Persönlichkeit, als Vorbild – ist einzigartig.

Nun ist in der medialen und der dadurch bestimmten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Fußball in letzter Zeit verstärkt ein irritierendes sprachliches Phänomen zu beobachten, eine regelrechte Unsitte, die unter Fußballkommentatoren, -experten und allen, die sich dafür halten, in Spielberichten, Foren und Fachsimpeleien grassiert und auf den ersten Blick mit der Völler-Eloge verwandt zu sein scheint: die penetrante Verwendung des unbestimmten Artikels „ein“ vor Sportler-, meist Fußballernamen. Ständig hört (und liest) man solche Sätze: „Die Bayern haben ja noch einen Philipp Lahm und einen Arjen Robben in der Hinterhand!“ – „Ein Ronaldo hätte den rein gemacht!“ – „Ein Mario Gomez dürfte 40 Millionen kosten!“ Was sollen solche Formulierungen bedeuten? Haben sie überhaupt einen Sinn? Dass hier nicht ernsthaft gemeint ist, dass es mehr als einen Spieler mit dem Namen Philipp Lahm gibt und dass aus diesen vielen Lahms eben irgendeiner noch auf seinen Einsatz wartet – zumindest so viel dürfte klar sein.
Auch der Satz: „Es gibt nur einʼ Rudi Völler“ zielt ja nicht unbedingt darauf ab, festzustellen, dass Völler einmal – und nicht etwa fünf oder zehn Mal – existiert, sondern er will dessen Außergewöhnlichkeit und Unersetzbarkeit betonen.

Ähnliches gilt wohl für die anderen Beispiele. Man könnte das, was hier eigentlich gemeint ist, vielleicht mit einer Konstruktion wie „ein Spieler von der Qualität des XY“ umschreiben. Doch interessanter als die tatsächliche Bedeutung ist die Funktion dieses vorangestellten „ein“ in der Kommunikation, sei sie mündlich oder schriftlich, über das Thema Fußball. Ganz offensichtlich halten viele Fußballaffine das gekonnt und lapidar eingeschobene „ein“ für einen jederzeit und bedenkenlos einsetzbaren rhetorischen Kniff, der besondere Fachkompetenz und ein umfangreiches fußballerisches Wissen suggeriert. Dieses Jonglieren mit Namen, das manchmal in ein aufgeblasenes namedropping ausartet, legt nahe, dass der Sprecher oder die Sprecherin, wenn sie denn wollten, selbstverständlich und problemlos noch viele andere Spieler nennen könnten, um ihre Behauptung zu belegen, und dass sie diese Spieler genau kennen, bewerten und beurteilen können. Das bescheidene „ein“ wird so zu einem eitlen, ja narzisstischen Mittel der Selbstdarstellung. (Diese „Eineritis“ befällt, das sei nur nebenbei bemerkt, neben dem Sprechen über Fußballer immer öfter auch jenes über Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Prominente, historische Personen usw.)

Aus einer sprachkritischen Perspektive muss man aber noch weiter gehen und nach dem Menschenbild fragen, das sich ungewollt, aber verräterisch in diesen Formulierungen spiegelt. Erscheint der mit „ein“ versehene – moderne – Fußballer nicht sogar als verfügbares Produkt, als Luxusware, als bloße Figur in einer großen, schillernden Inszenierung? In diesem Fall wäre die Wirkung des unscheinbaren „ein“ eine entwürdigende Depersonalisierung; dem so Bezeichneten würde das genaue Gegenteil von Individualität und Einzigartigkeit zugeschrieben.

Ob die Fußballfans das einem Philipp Lahm antun wollen?

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