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akteur - geschehen machen
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“Don´t Act, Just Think!”?

8. April 2015

„Verleugnung: Im Unterschied zur Verdrängung wird nicht ein konfliktreicher innerer Wunsch abgewehrt, sondern ein äußerer Realitätsausschnitt verleugnet, also in seiner Bedeutung nicht anerkannt. Beispielsweise werden Veränderungen in der Umgebung zwar wahrgenommen, aber ihre reale Bedeutung wird emotional nicht erlebt und rational nicht anerkannt.“
Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Abwehrmechanismus

Ein Mann in Warnweste steht vor einem riesigen Müllberg und erklärt in furchtbarem Englisch: “this is a nice sight to me”. Er könnte einer dieser sensiblen Verklärer sein, die im Müll eine fragile Ästhetik des Vergänglichen sehen wollen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es ist Slavoj Zizek, der lispelnde Philosoph (mit dem Hammer). Er inszeniert sich für einen Film vor diesem Müllhaufen, um auf den Müll als Mahnmal unserer kapitalistischen Welt aufmerksam zu machen. Nun will akteur ganz unbescheiden Einfluss auf diese Welt nehmen. Von Zizek kann er/sie/es lernen, dass vor jedem Aufruf zur Tat die Anerkennung des Mülls steht.

Um das verstehen zu können, müssen wir hören, was Zizek zu sagen hat. Das kann in seiner Provokation frustrierend wirken. Oder wie es UserName0043 in seinem Kommentar zum Film ausdrückt: “Wtf is this niqqa talkin ’bout? Pokemon?”

Zizek beginnt mit der Dekonstruktion des romantischen Prinzips einer „Mutter Erde“. Dies sei nichts anderes als die (vermeintlich) säkulare Variante des Paradieses. Der Mythos geht wie folgt: Die westliche Zivilisation habe in ihrer Sündhaftigkeit (und mit all ihrer Technik und Kultur) einen Ab-fall vom Paradies vollzogen. Um den Abgrund zwischen Natur und Kultur zu überwinden, sollen die Menschen sich nun rückbesinnen – und zwar darauf, dass sie mit all ihrer Kultur auch immer schon Natur seien! Würden sie sich dessen wieder bewusst werden (vielleicht in der Meditation in einem buddhistischen Zentrum), dann würden sie sozusagen von selbst erkennen, dass die warenherstellende Technisierung die Wurzel allen Übels ist. Der Sündenfall könnte wieder rückgängig gemacht werden. Alles auf Anfang.

Zizek ist das zu einfach. Er nennt das “New Age Bullshit”. Warum? Weil die Stilisierung einer „Mutter Natur“ zu einem sich selbst reproduzierenden, autarken Organismus nichts anderes als eine neue Form des Gottesglaubens darstellt: zeitgenössisches „Opium für das Volk“. Fühlt sich halt gut an. Die Natur als zeitgenössische Version der Autorität Gottes. Das Problem: Autorität lähmt Intervention. Man findet sanfte Befriedigung in dem Gedanken, dass „die Natur“ am Ende ja doch alles auffängt. So wohlig aufgehoben fühlen wir uns versöhnt mit ihr.

Unsere Idealisierung der Natur hört da auf, wo sich der Müll über sie legt.

TARS631

Schrottplatz © TARS631

Um dieser Illusion zu entgehen, sollten wir zuallererst anerkennen, dass wir in unserem Gesellschaftssystem nicht ohne Müll werden leben können. Dafür ist es notwendig, dass wir uns noch weiter entfremden von der sogenannten Natur, um unseren Anteil an ihrer Zerstörung unversöhnten Blickes sehen zu können. Katastrophen wie Fukushima machen uns unsere „Schuld“ in ihrer grellen Brutalität bewusst – jetzt erst beginnen wir tatsächlich zu handeln. Unsere Idealisierung der Natur hört da auf, wo sich der Müll über sie legt. Plötzlich zeigt sie sich als anfällig für Krankheiten, als fragil. Zizek meint, unser Verhältnis zur Natur sollte wie das der wahren Liebe sein: Von dieser kann nur gesprochen werden, wenn kein makelloses Ideal der Person geliebt wird, sondern sie trotz ihrer Fehler und Krankheiten die absolute Nummer 1 des Liebenden ist.

Jeder akteur sollte sich zunächst fragen, ob er/sie/es die Welt wirklich liebt. Sonst geht es ihm wie dem Recycler, der Zizek zufolge die Natur nicht nur nicht genug liebt, sondern geradezu vergisst: Hatte sich bei ihm in vorökologischer Ideologie noch ein schlechtes Gewissen beim Konsum eingestellt, so kann er heute konsumieren, ganz ohne Schuld auf sich zu laden, weil er ja korrekt ent-sorgt. Ich erfahre das an mir tagtäglich. Einigermaßen verwundert frage ich mich, warum ich kein schlechtes Gewissen habe bei all meiner Verschwendung – oder doch nur so selten. Jetzt weiß ich es: Meine Liebe ist nicht stark genug.

Einem akteur-Aufruf zur Tätigkeit könnte als Alternative also ein Aufruf zur kritischen Darstellung der Welt-Wahrnehmung zur Seite gestellt werden. Denn ohne genaue Diagnose unserer Zeit läuft jedes Tun Gefahr, zu bloßer Kosmetik am bestehenden System zu werden – oder schlimmer, dieses unbeabsichtigt zu stützen.

Will man unbedingt zwischen Handeln und Denken unterscheiden, dann könnte der Appell lauten: “Before you act, just think!”

Kommentare

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  1. von J

    Der ‘Natur’ ist vermutlich ziemlich egal, was ‘der’ Kapitalismus mit ‘ihr’ macht. Die Logik des exponentiellen Wachstums und der Akkumulation scheint doch eher der ‘christliche’ Gedanke bei all dem – nicht der einer ‘Einheit’. Hier steckt ein Denkfehler; denn damit würden auf einmal alle holistischen Religionen/Weltanschauungen von Buddhismus bis zu indigienen Vorstellungen zu einer hierarchischen/monotheistischen reduziert. Das dogmatische Festhalten und der Fokus auf den Kapitalismus kann eher als ein Ausläufer des Christentums verstanden werden, was auch mit dem ‘westlichen’ Zeitverständnis zusammhängt (worüber man streiten kann, wann/wie dies entstand). Eine solche Vorstellung des ‘Wachstums’ widerspricht der Annahme, dass es nur eine Biomasse gibt – inklusive ‘uns’ (ob und wie diese Masse sich reproduziert ist erstmal zweitrangig). Es geht bei einer Kapitalismuskritik also nicht so sehr um Müll (welcher Natur ist), sondern darum, dass ‘Andersgläubige’ aufgrund der Auferlegung und Universalisierung dieser/dieses (christlich-religiösen?) Logik/Glaubens ihrer Autonomie verwehrt werden. Darüber hinaus führt das Aufrechterhalten und die Re-Artikulation des Kapitalismus dazu, dass es ‘ihn’ gibt und Menschen ihre Umwelt – vom Essen bis zum Boden unter den Füßen – durch physische Macht genommen wird um sie gen ‘westlichen’ Elfenbeinturm zu transferieren. Mehr noch, der Fokus auf den Kapitalismus und die Vernachlässigung anderer Formen der ‘modernen/rationalen’ Gewalt und vor allem des (post/de)kolonialen Widerstandes (bspw. eben durch holistische/indigene Ansätze) zeugt von Zizek’s Eurozentrismus und ist eine Form der Kurzsichtigkeit. Daher bin ich froh über den letzten Absatz und stimme dem Appell zu: Weiter kritisch denken/dekonstruieren, bevor man dort Halt macht, wo Zizek es tut. Das legitimiert nämlich lediglich hedonistisches/narzisstisches Handeln, übersieht das es ein sich-nicht-um-methodologischen/historischen-Materialismus-scherendes ‘Außen’ gibt, welches seit über 500 Jahren mit ‘Europa’ verwoben ist und seit jeher Widerstand leistet…

    Vor lauter Skepsis vor unvollständiger Reflexion sollte man dennoch nicht in einen Positivismus/Naturalismus verfallen. „Denn ohne genaue Diagnose unserer Zeit läuft jedes Tun Gefahr, zu bloßer Kosmetik am bestehenden System zu werden – oder schlimmer, dieses unbeabsichtigt zu stützen.“ Und das gilt natürlich auch für scheinbares ‘acting without thinking’.

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