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DJ Khaled und andere Übermenschen

15. Mai 2016

DJ Khaled erfährt seit einiger Zeit einen enormen Hype, obwohl keiner weiß, was er eigentlich genau macht, geschweige denn Besonderes kann. Nur so viel: Der aus Miami stammende „Mogul“ versammelt berühmte Rapper und lässt sie Hits machen. Schlimme Musik meistens (bis auf den Drake-Klassiker „No New Friends“).
Merkwürdig dabei ist nur, dass er dabei weder den Beat noch sonst irgendetwas wirklich beisteuert – außer am Anfang jedes Songs „DJ KHALED“ zu brüllen. Wie kommt es also, dass er Kultstatus erreicht hat? Die offensichtliche Antwort: Er inszeniert sich auf allen möglichen Social-Web-Kanälen wie kein anderer als Success-Motivator, als Guru des Erfolgs und der Selbstliebe. Und er macht das so überdreht amerikanisch, so naiv und geschmacklos, dass es entwaffnend sympathisch wirkt. Selbstverständlich geht es ihm dabei nur um Status, Geld und Weiber, aber das tut es ja fast überall – auch in der Hochkultur. Die Gewissheit, die er ausstrahlt, ist in ihrer Einfachheit (manch einer würde vielleicht Blödheit sagen) authentisch. Das ist es wohl, was ihn ausmacht: Man glaubt ihm wirklich, dass er seine Fans liebt und sie zu selbstbewussteren Menschen machen will. Das sagt er nicht nur so. Dieser Ernst ist bemerkenswert, weil er jeder Ironie entbehrt.
Seine Phrasen sind mittlerweile zu geflügelten Worten geworden. Irgendwo zwischen lächerlich und liebenswert, entfalten sie ihre ganze erlösende Wirkung erst, wenn der Meister selbst sie mit der ihm eigenen inbrünstigen Intonation vorträgt (da wird schon auch mal nebenher der Palästina-Konflikt „gelöst“ bei 00:01:35):

Aus mir unerfindlichen Gründen kann ich nicht umhin, an den österreichischen Autor Thomas Bernhard zu denken, wenn ich DJ Khaled-Interviews anschaue. Diese genialische Art, sich selbst zu genießen, verbindet die beiden. Bescheidenheit ist ihre Sache nicht. Natürlich ist sich der eine dessen bewusst und der andere nicht, und natürlich ist dieser Vergleich komplett an den Haaren herbeigezogen, die beiden könnten hinsichtlich ihrer Lebensweise und -anschauung und überhaupt (fast) allem nicht unterschiedlicher sein, aber das ist eigentlich egal – an den Haaren herbeigezogene Vergleiche sind ja oft sehr interessant.
Zunächst einmal sind die beiden in ihrer Selbstbezogenheit sehr lustig. Thomas Bernhard zum Beispiel schaute sich nur seine eigenen Theaterstücke an:

SPIEGEL
Gehen Sie denn gern ins Theater? Und wo gehen Sie ins Theater?

BERNHARD
Ich gehe einmal im Jahr ins Theater und dabei in mein eigenes Stück.

DJ Khaled würde dazu sicherlich sagen: “You smart. Embrace your own greatness.” Das klingt ganz nach dem Übermenschen von Nietzsche, der sich und sein Begehren zulässt und sogar auslebt, anstatt es zu unterdrücken. Genau wie der Übermensch Khaled kennt eben auch Bernhard kein Unterdrücken seines Begehrens, und so nennt er die Durchschnittsmenschen um ihn herum gewohnt lakonisch „eine Ansammlung von trau-mi-net“ (ab 00:07:03):

Und noch eine Sache: Beide haben ihre Gesprächspartner stets und vollkommen im Griff, auch wenn die das gar nicht merken, weil sie Khaled belächeln oder Bernhard nicht verstehen.

SPIEGEL
Können Sie von Ihrem Schreiben leben, gut leben?

BERNHARD
Also, ich lebe so, wie ich will.

SPIEGEL
Und haben Sie damit rechnen können, als Sie anfingen zu schreiben?

BERNHARD
Nein, ich habe mit nichts gerechnet. Ich war sehr berechnend, aber ich habe mit nichts gerechnet.

Nur in einer Sache hätte Bernhard von Khaled „lernen“ können: im Umgang mit Fans.

SPIEGEL
Was hält Thomas Bernhard von seinem Publikum, von seinen Lesern?

BERNHARD
Ich kenne es gar nicht und will es auch gar nicht kennen.

Khaled ist auch egal, wer seine Fans sind, aber er liebt sie. Das wäre Bernhard sicherlich fremd. Hätte ihm aber vielleicht ganz gut getan.
Um den sicherlich schon überreizten Bogen noch weiter zu spannen, kann man an dieser Stelle fragen: Wann kann man so lieben, so unpersönlich, so ganz ohne diese Fans zu kennen? Immerhin scheint diese Haltung doch einiges für sich zu haben.
Zunächst einmal liebt man wohl nur dann, wenn man sich selbst einigermaßen mag. Das tut Khaled.

Auch ein selbstkritisch sozialisierter Europäer liebt wohl erst dann, wenn er sich von edler Selbstverachtung verabschiedet hat, um irgendwie mit sich ins Reine zu kommen. Ansonsten sind ihm die anderen immer nur Mittel zum Zweck seines selbstauferlegten Wiedergutmachungsauftrags und bleiben insofern Opfer dieser mehr oder weniger subtilen Machtgeste. So mit sich im Reinen (wie es Khaled ja irgendwie vormacht) entsteht vielleicht eine wahre Öffnung, die sich von permanenter Selbstthematisierung löst (was Khaled völlig abgeht).
Dazu schreibt Nietzsche:
„Du möchtest schenken, wegschenken deinen Überfluss, aber du selber bist der Überflüssigste. Sei klug, du Reicher. Verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!“
Keine schlechte Haltung, die der nietzscheanisch angehauchte Khaled da verkörpern könnte. Dann wäre er wirklich “blessed”, wie er so gerne behauptet. Aber ob er das mitmachen würde?

Kommentare

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  1. von Jonas Mayer

    Was ist denn “schlimme Musik”?

  2. von Janina Mischke

    you smart
    you very smart
    we da best
    you a genius
    I appreciate you
    you loyal
    I changed – a lot
    you can, too.
    win win win no matter what.
    (DJ Khaled)

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