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akteur - geschehen machen
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Die Herrichtung der Dinge im Foto

1. April 2015

Schau dir irgendwelche Fotos auf Instagram oder Flickr an, und sofort stellt sich der Eindruck ein: Selten war die Welt so schön wie zurzeit. Genauer: so schön hergerichtet. Die Farben sind immer satt, die Konturen stets scharf, und alle Dinge glühen aus sich heraus, als läge in ihnen ein rätselhaftes Licht. Mit dem Einzug von Foto-Handys und Softwares wie Hipstamatic oder Snapchat in unseren Alltag wird die Art, wie wir uns mitteilen, noch mehr von Bildern bestimmt. Von Schnappschüssen also, die zwar eilig geschossen und schnell versendet werden, deren Art und Weise aber, wie sie die Welt als Fotografie darstellen, uns so nachhaltig prägt, dass ein genauerer Blick lohnenswert ist.

Fotografiert wird nur wirklich Vorzeigbares: der farblich abgestimmte Salat, die Silhouette einer Brücke bei Sonnenuntergang, die leeren Gesichter in der U-Bahn. Und klar, niemand käme auf die Idee, Nebensächliches zu fotografieren. Das Entscheidende ist, dass bereits die Motivwahl diese Haupt- und Nebensachen voneinander trennt. Die Dinge da draußen werden im Augenblick der Aufnahme eingeteilt: in visuell Wertvolles und -loses. Diese Reduktion der Erinnerung auf einige wenige Anlässe ist der erste Einschnitt, mit dem wir der unübersichtlichen Welt entgegentreten.

Samuel Hamen

Hipstamatic © Samuel Hamen

Mit den Foto-Aufhübschungsprogrammen à la Hipstamatic wird die Vergangenheit zudem zum Feeling. Dasselbe Feeling, das wir immer dann verspüren, wenn wir alte Polaroids in den Händen halten oder wenn wir verwackelte Super-8-Videos anschauen. Dabei geht es gar nicht um den jeweiligen Inhalt, sondern darum, dass die Form des Mediums uns fasziniert: der weiße Rahmen und die verblichenen Farben von Polaroids oder die hastige Kameraführung und die abrupten Schnitte bei Super-8-Filmen. Gerade diese Lust an der Vergangenheit machen sich Programme wie Hipstamatic zunutze. Sie machen dieses Feeling als Konsummöglichkeit verfügbar. Sie ziehen mit ihren vielen Einstellungen für Farbsättigung, Helligkeitsdichte und Konturenschärfe den Dingen eine zweite Haut über, die unsere heutige Tendenz zur nostalgischen Oberfläche bedient.

Die Entstellung der Dinge da draußen ist also eine doppelte: Zuerst wird überhaupt erst durch die Motivwahl das Vorzeigbare eingehegt, während dasjenige, was nicht unserer subjektiven Befindlichkeit entspricht, ausgegrenzt wird; dann wird, in einem zweiten Schritt, das Abfotografierte mithilfe diverser Filter aufgepeppt, um dem Anlass zu entsprechen. All diese Möglichkeiten, die das Medium Fotografie jedem von uns an die Hand gibt, entfernen uns aber von dem, was wir eigentlich fotografieren wollten. Und zwar auf eine Art, die das Tatsächliche, das Ding da draußen, das wir ursprünglich als Bild haben wollen, immer weniger wichtig werden lässt. Stattdessen tritt das Feeling, das das Foto auslöst, in den Vordergrund. Damit spielen dann auch solche Strömungen wie Food Porn oder Human Porn.

Letztlich ermöglichen diese medialen und technischen Entwicklungen die allseitige Herrichtung der Dinge, und dies mehr und mehr unabhängig von ihrem jeweiligen faktischen Gehalt. Dies zeigen auch die beiden Abbildungen. Das obige Foto ist bei einem vorbereitenden Treffen des akteurs gemacht worden, ohne jegliche Ambition. Unten siehst du dasselbe Foto, diesmal hergerichtet:Es legt sich wie ein bezirzender Schleier die grafische Aufhübschung als das eigentlich Sehenswerte vor den tatsächlichen Gehalt.

Kommentare

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  1. von Samuel

    Der Unterschied besteht für mich darin, dass die Hipstamatic & Co-Filter dir vorgefertigte Schablonen an die Hand / an die Augen geben: mal gräulich verschwommen, mal neonfarben scharf … und damit ist auch vorgegeben, wie du dich ausdrückst. Es gibt ein festes Angebot (das meinte ich mit der “Konsummöglichkeit”), und wir, die wir uns dieser technischen Filter bedienen, müssen mit diesen, und nur mit diesen, arbeiten.

    Es stimmt schon, dass jede Rückversetzung in vorherige Zeiten (sei es über schriftliche Erinnerungen oder Fotos) eine Herrichtung der damaligen Gegenstände mit sich bringt, nur: In einem literarischen Erinnerungsstück an das Festival von vor drei Wochen kannst du dich, weil du den vollen Zugriff auf die Sprache hast, freier und ungehemmter ausdrücken als es mithilfe von Hipstamatic-Fotos möglich ist, weil letztere dir immer ein bestimmtes / begrenztes Kontingent an “Feelings” zur Verfügung stellen. Und gleichzetig wird dir vermittelt, mit diesen aufgehübschten Fotos die “totale Erinnerung” geschaffen zu haben.

    1. von Andreas Wundersee

      Da stimme ich Dir in Teilen zu. Mich hat bei Instagram auch langezeit gestört, dass die Filter fix und fertig eingestellt sind und man als Nutzer nicht die Möglichkeit der Feinabstimmung hat. Seit Längerem kann man aber bei Instagram beispielsweise nicht mehr nur voreingestellte Filter verwenden, sondern auch die Intensität des Filters, sowie die Sättigung, den Kontrast, Schärfe und vieles mehr einstellen.

      Übrigens, die neuste Hashtag-Instagram-Challenge der “This ain’t art school” beschäftigt sich genau damit: Eingereicht werden sollen gefilterte und ungefilterte Bilder. Mehr auf https://instagram.com/p/5B2HJvD0L_/?taken-by=thisaintartschool

      Vielleicht hast Du ja Lust mitzumachen?!

  2. von Andreas Wundersee

    Was ich mich beim Lesen des Artikels gefragt hab, ob die Herrichtung der Dinge im Foto nicht nur eine logische Folge der menschlichen Wahrnehmung ist?!
    Denn nicht nur im Foto verändern wir unsere Wahrnehmung. Auch in der Erinnerung oder selbst im Moment des Sehens, werten wir das Gesehene nie objektiv, sondern stets subjektiv und emotional. Bilder auf Instagram & Co zeigen daher doch auch, was wir in der Situation fühlen. Wenn wir beispielsweise auf einem Festival sind auf dem es regnet, auf dem der Himmel wolkenverhangen ist und man eigentlich alles nur Grau in Grau sieht, fühlen wir uns trotzdem glücklich, sind voller Emotionen und sehen alles mit der rosaroten Brille.

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