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Das Wir im Menschen

14. Februar 2016

Teil von etwas sein. Gemeinsam. Oft und überall. „Hallo, ich gehöre auch zu euch!“ Dabeisein ist alles – vieles betrifft UNS, Ich und Du werden zum WIR. Schon Arthur Rimbaud schrieb: „Je est un autre“. Sind wir alle auch jemand anderes à la „Nous est un autre“?

Vor zehn Jahren schauten uns Menschen unterschiedlicher Herkunft und Tätigkeit und unterschiedlichen Alters aus dem Fernseher entgegen. Wir hörten Nationaltorhüter, Schauspieler, Schlagersänger, Ärzte, Werftarbeiter, Kfz-Mechatroniker, Kleinkinder sagen: „Du bist Deutschland“.

Du bist Deutschland

Diese Social-Marketing-Kampagne von Bertelsmann sollte die Eigeninitiative in Deutschland betonen und die BRD als Land mit Zuversicht in seine Bürger darstellen. Aus diesem „Auch du bist Deutschland“ sollte ein großes Wir werden, eine Gemeinschaft. Aber was bedeutet das eigentlich? Was heißt das, wenn die Zeitungen nach dem Gewinn der Fußball-WM 1954 schrieben: „WIR sind wieder wer“? Jeder einzelne soll als Teil des Kollektivs mit ins Boot geholt werden. So soll es sein. Gemeinsam ist man stark – so das Ziel der Kampagne, so das Ideal. Und 2006, wieder die Fußball-Analogie, haben „unsere“ Jungs uns das Sommermärchen beschert. Vor allem sind es die sportlichen Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele sowie die Europa- und Weltmeisterschaften, die uns zu Fans, ja, zu Anhängern unserer Teams und zum Teil des Teams hinter dem Team machen. Dieser Beitritt zur Mannschaft ist erstmal gratis und ohne Hindernisse, eine Club-Mitgliedschaft mit Jahresbeitrag wird nicht verlangt. Jeder ist frei zu sagen, dass er BVB- oder St.-Pauli-Fan wird, Charlie ist oder die Ice-Bucket-Challenge akzeptiert. Das Gefühl von Solidarität und Unterstützung schweißt zusammen. Die Unterstützer geben ihre Leidenschaft, ihr Hoffen und Bangen, ihre Wut, ihre Kraft, ihr Mitgefühl her. Im Glauben, dass das, was sie reingeben, einen Effekt hat: das Gewinnen des Matches, den Kampf gegen den Terror oder die Krankheit. Unterstützte und Unterstützer connecten, oft ohne eine wirkliche persönliche Beziehung zu pflegen. Die Psychologie der Empathie wirkt. Und so ist der Erfolg der Stellvertreter auf dem Spielfeld oder in der politischen Arena auch immer ein behaupteter Erfolg der Fans bzw. der Wähler. Wie sieht es aber in diesem Zusammenhang mit der Wahrhaftigkeit aus? Sind das Ich und das Du wirklich in einem zusammengehörenden Wir verbunden?

Vor ein paar Monaten starb Helmut Schmidt. Anlass für Markus Lanz, in seine abendliche Talkrunde den langjährigen Schmidt-Interviewer Reinhold Beckmann zu laden, dazu den Schauspieler Volker Lechtenbrink. Dieser spielte hauptsächlich die Karte des Berufshamburgers. Schon die Ankündigung als Hamburger Urgestein, das bei jährlichen Empfängen in einem Hamburger Theater Schmidt und seine Frau Loki getroffen hatte, wies in diese Richtung. Die Infos zu Schmidt, die Lechtenbrink lieferte, waren nur die eines aufmerksamen Zuschauers, der eben Beckmanns Interviews mit Schmidt geschaut hatte, nicht die eines Schmidt-Vertrauten. Und so appellierte Lechtenbrink wiederholt an das gemeinsame Hamburgertum, erinnerte an Schmidt durch Hinweise auf dessen Elbsegler-Mütze und dessen einfaches Wohnhaus, verfiel einmal in norddeutsche Mundart („Jo!“) und betonte, von Beckmann diesmal sekundiert, wegen Schmidt stolz zu sein, aus Hamburg zu kommen. Wieder ein Wir (Schmidt-Lechtenbrink), dem Eindruck nach ohne wirklich wahrhaftigen Bezug. Lechtenbrink schien Schmidt vor allem aufmerksam beobachtet zu haben, ließ sich aber zu Kommentaren über dessen Wesen hinreißen. Auch aus der Hansestadt zu kommen, schien als Kriterium zu reichen, um sich stolz Schmidts politische Karriere einzuverleiben.

Im Nachgang der Terroranschläge von Paris erwachte wieder einmal verstärkt die Öffentlichkeit des Social Media. Wie schon im Januar 2015 Facebook-Nutzer ihre Profilbilder in einen im Gewehrlauf steckenden Bleistift mit „Je suis Charlie“-Übertitel änderten, sah man nun in der Tricolore gefärbte Profilbilder. Dies als Solidaritätsbekundung, WIR sind heute alle Franzosen. Jede für die Opfer vergossene Träne hat einen Wert, ist ehrlich gemeint. Jede noch so kleine empathische Regung mag einen Effekt haben und den Betroffenen etwas geben. Und deswegen ist nichts zu sagen, kann nichts dagegen gesagt werden. Vielleicht fängt politisches Engagement hier an. Ich kann mich manchmal nicht von dem Eindruck frei machen, dass Charlie, #prayforparis, Du bist Deutschland, Wir sind Papst oder die Ice-Bucket-Challenge, der Hamburger Schmidt und der FC Bayern München als Vehikel für die eigene Selbstinszenierung genutzt werden. Schaut her. Besondere Betroffenheit, besonderes Commitment führen näher an das heran, zu dem vorher kein Bezug bestand, um so eine Beziehung aufzubauen. Für einen Moment interessiere ich mich mehr dafür, was die Krankheit ALS ist, wer Helmut Schmidt als Kanzler war, dass IS (nicht nur) den Nahen Osten terrorisiert oder, viel harmloser, dass der FC Bayern München deutscher Rekordmeister im Fußball ist. Dieses von der situativ entstandenen Empathie getragene Interesse scheint mir als unvermittelte Reaktion sehr ehrlich zu sein – aus spontaner Betroffenheit (ALS, IS, Schmidt) oder Begeisterung (Fußball) heraus. Das aus Betroffenheit heraus entwickelte Interesse ist aber leider oft zeitlich begrenzt und wechselt den Gegenstand schnell. Heute hier, morgen dort. Heute Eiswasser über den Kopf, morgen fragen: Was war ALS nochmal? Immer neu wird das Selbst- und damit das Fremdbild als engagierter Bürger untermauert, der sich sorgt, der mitfiebert, der (mit-)leidet, der hofft und bangt. Oftmals aus einer tendenziell unpolitischen Haltung heraus. Warum war man vorher nicht genauso gegen Boko Haram? Warum ist das bei uns so? Haben wir es mit einem menschlichen Urbedürfnis, dem seit Menschengedenken existierenden Sinn nach Gemeinschaft, oder gar mit einer dem Zeitgeist geschuldeten Sehnsucht zu tun? Auch du bist Charlie, auch ich bin Deutschland.

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