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Das Kaputte mal eben wegschieben

6. Mai 2015

Egal ob beim Erdbeben in Nepal vor wenigen Tagen, beim Krieg im Gazastreifen oder beim Tsunami in Japan – bei diesen und anderen größeren News-Ereignissen bauen Nachrichtenportale ein besonderes Feature in ihre Berichterstattung ein. Mithilfe eines horizontal verschiebbaren Balkens und zwei Satellitenbildern, die vor und nach dem jeweiligen Ereignis aufgenommen wurden, kann der Besucher des Portals zwischen dem Vor- und Nachher der Katastrophe hin- und herwechseln.

Tatsächlich ist der informative Mehrwert dieses Slidings recht überschaubar. Detaillierte Informationen zum Hergang und zu den Auswirkungen werden dadurch nicht bereitgestellt. Stattdessen liegt der Reiz darin, die katastrophischen Szenarien in einem visuellen Mitvollzug nachzuerleben. Mithilfe des Balkens den chronologischen Fortgang des Ereignisses nachträglich und selbstständig zu steuern – das ist ein neuer, lustvoller und individueller Umgang mit solchen News. Wer mag, kann sich unendlich oft vor oder nach die Katastrophe begeben, kann in der Zeit springen, als sei das alles ein Daumenkino oder ein Film, den man sich vor allem wegen seiner beeindruckenden Aufnahmen anschaut. Haus da, Haus weg. Autobahn frei, Autobahn zugeschüttet.

Zusätzlich weist das Sliding demjenigen, der sich seiner bedient, eine besondere Rolle zu. Aus der erhabenen Vogelperspektive blickst du auf die Welt – wobei das Bild des Vogels schon gar nicht mehr reicht, um die schiere Distanz zwischen dem Satelliten und der Erdoberfläche zu fassen. Es ist, als befändest du dich im Weltall und die beängstigenden Zustände, denen wir hier medial ausgesetzt sind, wären weit entfernte Probleme, die du aus sicherer Distanz beobachten und spielerisch steuern könntest. In diesem Sinne spielt das Sliding auch dem krisengeplagten Westler zu, der immer mehr darauf aus ist, sich seiner eigenen Sicherheitslage zu versichern. Das Sliding ist dann mehr als nur ein technisches Gadget, das uns Bilder neuartig rezipieren lässt. Es verrät etwas darüber, wie wir der Welt und ihrer Unüberschaubarkeit entgegentreten und uns ihr gegenüber positionieren. Als Beispiel dafür auszugshaft das Gedicht September-Elegien des Lyrikers Durs Grünbein zu dem Medienereignis 9/11:

„Wer hat schon Zeit gehabt, etwas wie Seelenruhe zu destillieren
Aus der Gewißheit des Todes, und daß alles ein Ende hat?
Auch Wolkenkratzer – ihr Bau dauert Jahre, Sekunden ihr Fall.
Anderntags grinst das Kind schon mit ausgeschlagenem Zahn.
Der Globus zieht seine Runden wie eh und je. Aus dem All
Gleicht der Fleck in Manhattan einem erloschnen Vulkan.“

(aus: Durs Grünbein, Erklärte Nacht. Gedichte, Frankfurt am Main 2002, S. 50)

Das Kaputte mal eben wegschieben © USGS

Der Blick aus dem Weltall beruhigt, so schwebend, still und stressfrei, wie man sich dort oben imaginiert. Die Überschaubarkeit kehrt für einen Augenblick zurück. Digitale Einbauten wie das hier beschriebene Sliding oder die Foto-Aufhübschungsprogramme sind, gerade weil sie leicht zu bedienen sind, ohne größere Reibung in unsere alltägliche Kommunikation hineingerutscht, und sie haben sich rasch als Selbstverständlichkeit etabliert. Ihre Funktionsweisen und ihre nicht immer offensichtlichen Auswirkungen auf die Art, wie wir uns informieren, sind gerade deswegen spannend und zu hinterfragen. Als Antwort auf Grünbeins Gedicht schrieb ein anderer Schriftsteller in einem Gedicht mit dem Titel Von New Jersey schauend:

„Und haltlos überflog sein Blick zum Hohn
Dreitausend Toter diese leere Stelle.“

(aus: Thomas Gsella, Generation Reim. Gedichte und Moritat, Frankfurt am Main 2003, S. 28)

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