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Miss A, <a href='https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/' target='_blank'>CC BY 2.0</a> (bearbeitet) akteur - geschehen machen
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Coming-of-age wird nie alt

10. Januar 2016

Einer der schönsten Filme der letzten Jahre war meiner Ansicht nach „Boyhood“ von Richard Linklater. Weil mich der Film so beeindruckte und Linklaters „Before Sunrise“ von 1993 mein Beziehungsideal bis heute prägt, habe ich es mir zur ehrgeizigen Aufgabe gemacht, sein Œuvre – wie man so sagt – in Gänze zu studieren. Als erstes habe ich SubUrbia (1996) gesehen und ziemlich schnell beschlossen, dass es lohnt, sich mit dem Film intensiver auseinanderzusetzen.

Suburbia – Trailer

Da hängt eine lose Clique allabendlich vor der Tankstelle rum, als plötzlich ihr ehemaliger Schulfreund Pony mit der Limousine vorgefahren kommt. Pony hat es geschafft: Er ist Popstar geworden. Das sorgt naturgemäß für Ressentiments bei seinem ehemaligen Kumpel Jeff, Hauptfigur des Films. Noch dazu hat dieser Probleme mit seiner Freundin. Auf ihre Frage, ob er mit ihr nach New York kommen wolle, wo sie ihr Kunststudium beginnt (“to make people think”), entgegnet er:

JEFF
No, no, see, that’s not what I’m saying. I could go to New York
if I wanted to, but what’s the point? So I can learn how to order
a cappuccino? So I can get mugged by some crackhead? So I can
see, see homeless people up close and personal?

Daraufhin sie:

SOOZE
So what do you wanna do?

Und er, ehrlich hilflos und ein wenig stolz darauf:

JEFF
Nothing.

Jeff ist der typische Rebell, der im Grunde schon weiß, dass seine Rebellion zum Scheitern verurteilt ist. Nicht, weil er sich den Idealen der Gesellschaft verweigert, sondern weil Verweigerung in dieser Gesellschaft keinen Platz findet. Über kurz oder lang knicken sie alle ein, machen Eingeständnisse. Oder verzweifeln. Bis es allerdings mit dem endgültigen Scheitern soweit ist, bis Jeff sich fügt oder aufgibt, stellt er verbissen die wichtigen (und richtigen) Fragen, die sich die meisten einfach irgendwann aufhören zu stellen (oder zumindest so tun):

JEFF
Okay, look. My job is not who I am. I don’t need that. Why?
What’s your goal? Status? Money? Getting your picture on the
cover of some glossy magazine?

SOOZE
My goal is to make art.

JEFF
So, what, why can’t you do that here? What’s wrong with here? Why
is somewhere else better?

SOOZE
Why should I stay here, Jeff? So we can sit on the corner and
watch the lights change, while you bitch about Burnfield?

JEFF
Mm-mm.

SOOZE
So I can spend the rest of my life guessing what it would be like
to be a real artist?

JEFF
No, no.

SOOZE
So you and I can fuck while your parents are out having dinner at
the Sizzler? What are we doing, Jeff? You and me?

JEFF
I don’t know.

Er weiß es nicht. Aber er weiß, dass ihm Phrasen wie “to be a real artist” nicht ausreichen. Hierin, in dieser überzeugten Unwissenheit, ist er der Held. Entwaffnend ehrlich:

JEFF
I mean, you know, at least I admit that I don’t know. I know that
things are fucked up beyond belief and I know that I have nothing
original to say about any of it, alright? I don’t have an answer.
I don’t have a fucking message.

Wenn man zu dieser Ansicht oder Einsicht einmal gekommen ist, was macht man dann? Diese Frage stellt der Film. Und natürlich hat er keine Antwort – hätte er sie, würde er sein Thema verraten. Nun kann man das Thema als jugendlich abtun. Oder es drängt sich einem die Frage auf: „Wenn ich genau wie Jeff nichts Originelles zu sagen und nicht das Glück habe, naiv genug zu sein, um erbauliche Popmusik zu machen, welche Haltung nehme ich dazu ein? Und woran liegt es, dass ich nichts Neues zu sagen habe, mir alles nur nach-gedacht erscheint?“
Jeff jedenfalls glaubt für einen Moment, einen Ausweg gefunden zu haben. In einem aufregenden Monolog, in dessen Verlauf er sich die Kleider vom Leib reißt und am Ende nackt, frei und jung auf dem Parkplatz vor der Tankstelle steht, verkündet er seine Vision. In Zeiten, in denen über die Hälfte der 20-Jährigen ein Tattoo hat, wirkt sein Monolog umso aktueller:

JEFF
You know, like, like, I would always think, uh, you know, what if
I make the wrong move? But maybe there isn’t any right move. You
know? I mean, look at us. You know, we all dress the same, we all
talk the same, we all fuck the same, we all watch the same TV.
Nobody’s really different, even if they think they’re different.
“Oh, boy, look at my tattoo, you know?” And see, that’s what
makes me freak. Because I can do anything I want, as long as I
don’t care about the result.

Und so preist er in grandioser Emphase den Moment als solchen, unbesehen aller Wertungen, Nutzen und Folgen:

JEFF (CONT’D)
Anything is possible. It is night on planet earth and I’m alive.
And someday I’ll be dead. Someday I’ll just be bones in a box,
but right now, I’m not. And anything is possible. And that’s why
I can go to New York with Sooze because each moment can just be
what it is. There’s no failure, there’s no mistake. I just, I
just go there and live there and what happens, happens. And so,
right now I’m getting naked and I’m not afraid. You know? I
don’t, I don’t need money, man. I don’t, I don’t even need, I
don’t even need a future. I, I could knock out all of my teeth
with a hammer. So what?! You know, I could poke my eyes out. I’d
still be alive, you know? At least I’d know that I was doing
something real for two or three seconds, you know? It’s all about
fear and I’m not afraid anymore, man. Fuck it! Fuck fear!

Am Ende ist Jeff nackt, völlig frei. “Exposed”, wie die Amerikaner sagen. Selbstverständlich kann dieser Zustand nur sehr kurz anhalten – eben einen Moment lang. Seine Freundin kommt in der Limousine des Popstar-Freundes angefahren, sie hat die Nacht mit ihm verbracht. Die Umwelt mit all ihren Projektionen macht eben doch den Moment (und macht diesen über sich selbst hinaus relevant), der Moment macht sich gerade nicht selbst und ist nicht als abgetrennt von dieser Umwelt und all ihren Facetten zu fassen.
Die Feier des an sich ergebnisoffenen Moments bringt keine dauerhafte „Erlösung“, keinen Trost. An jedem Sonntagabend nach zerfeierten Nächten wird es uns bewusst: Es braucht etwas anderes. Etwas, das fehlt. Herbert Marcuse fand für eines der fehlenden Elemente sehr treffende Worte:
„Freilich sind diese (das „andere“ verkörpernden) Charaktere nicht aus der Literatur der fortgeschrittenen Industriegesellschaft verschwunden, aber sie überleben wesentlich verändert. Der Vamp, der Nationalheld, der Beatnik, die neurotische Hausfrau, der Gangster, der Star, der charismatische Industriekapitän üben eine Funktion aus, die von der ihrer kulturellen Vorläufer sehr verschieden ist, ja im Gegensatz zu ihr steht. Sie sind keine Bilder einer anderen Lebensweise mehr, sondern eher Launen oder Typen desselben Lebens, die mehr als Affirmation denn als Negation der bestehenden Ordnung dienen.“
Marcuse trifft den Nagel auf den Kopf. Was zunehmend verschwindet, ist das Bild einer Alternative, mit dem sich Jeff identifizieren könnte. Die Pop-Welt bietet diese Bilder nicht mehr. Popstars sind heute wohl eher Menschen, die sich in der „bestehenden Ordnung“ einfach am besten zu positionieren wissen. Genau wie Jeffs alter Freund Pony.
Der Film gipfelt schließlich in dem tragischen Tod eines der Freunde, der im Tumult all der Selbstfindungsphantasien einfach vergessen wurde. Der Schlusskommentar des indischen Tankstellenwarts, der die Untätigkeit der herumstehenden Jugendlichen überhaupt nicht begreifen kann, die ihm noch dazu sein mühsames Geschäft versauen, bündelt noch einmal die beklagenswerte Leere, die aus dem Verhalten der Figuren spricht:

NAZEER
Oh, God. You people are so stupid! What’s wrong with you?! Throw
it all away, huh?! You throw it all away!

Ohne das Fass der westlichen Welt und ihrer Selbstverachtung zu weit aufzumachen, kann doch gefragt werden: “You people”, wen meint er damit? Wahrscheinlich so etwas wie den viel beschworenen narzisstischen, überforderten Mittelstandswestler der Generation Y. Und „it“, damit meint er wohl die Behaglichkeit gesicherter Verhältnisse, die, wenn sie nicht irgendwie sinnstiftend ist, zur Katastrophe führen wird. Darüber kann man sich aufregen. Und so sagt Jeff einmal im Film: “My duty as a human being is to be pissed off”.

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