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Blow sum mo’ – Zum Verhältnis von Stripperinnen und Rappern

26. Juli 2015

Die meisten Rapper verwenden sehr viel Zeit und Mühe darauf klarzustellen, dass sie mindestens genauso heterosexuell wie vermögend sind. “Fuck them two bitches, I’m going triple”, erklärt Future gewohnt lakonisch. Keine große Sache. Die Quantifizierung des Lebens kommt eben immer noch am ehrlichsten im Rap zum Ausdruck.
Genauso bekannt, aber nur scheinbar langweilig ist die Sache mit den Stripperinnen: Viele Rapper rappen sehr häufig von Stripperinnen und hängen demgemäß bevorzugt in Stripclubs ab. Warum tun sie das? Immerhin haben sie doch auch in normalen Clubs Erfolg bei Frauen. Ich für meinen Teil glaube Future jedes Wort. Nun ist es mit den Stripperinnen aber etwas Besonderes: Gerade um sie, deren Körper doch „käuflich“ ist und also nicht besonders eroberungswürdig, um sie wird gebuhlt.
Drake, der Schmeichler: “I got strippers in my life, but they virgins to me”.
Hm? Was hat es auf sich mit den Stripperinnen?
Einen ersten Hinweis lieferte (einem so unendlichen Outsider wie) mir peinlicherweise erst die vice-Doku über die Wurzeln des Trap in Atlanta. Trap ist seit einiger Zeit die populärste Richtung innerhalb des HipHop und kann als diese Art Rap umrissen werden, bei der die Strophen über einen schweren Bass mit schneller HiHat mehr gerotzt als taktvoll eingerappt werden. Das Wort bedeutet bekanntlich „Falle“ und meint in seinem Herkunftsgebiet der Südstaaten jene Drogenumschlagsplätze, an denen sich das Leben im Ghetto konzentriert und aus denen es kein Entkommen gibt (und unweigerlich klingt der Text wie aus dem Focus). Noisey jedenfalls widmete dem Trap eine längere Doku. In dieser wird sehr beiläufig erzählt, dass es niemand anderes als die Stripperinnen seien, die darüber entscheiden würden, welcher Song ein Hit wird und welcher für immer ungehört bleibt. Denn, so lerne ich, nur diejenigen Songs, die die Frauen als gut genug erachten, um dazu zu tanzen, werden überhaupt erst groß. DJ ESCO behauptet sinngemäß: „Wird dein Song nicht montagabends im Magic City (Atlantas bekanntestem Stripclub) gespielt, dann ist er Schrott.“
Die Stripperinnen fällen demnach die entscheidende Vorauswahl. Läuft ein Song im Stripclub und kommt gut an, dann wird er auch im normalen Club gespielt und schließlich im Radio landen. Ohne die Stripperinnen läuft also gar nichts im (T)Rap. Die Vorstellung ist irgendwie sympathisch, denn das archaische, von vielen als reaktionär bezeichnete Machtverhältnis verkehrt sich ins Gegenteil: Die Rapper sind von den Stripperinnen abhängig. Sicherlich könnte man sagen, dass sie das schon immer waren, schließlich ist ihre überzogene Männlichkeitsinszenierung auf das In-den-Stripclub-Gehen angewiesen, um an Kontur zu gewinnen. Die Sache mit der Track-Vorauswahl im Club macht die Stripperinnen den Rappern allerdings nicht nur ebenbürtig im Sinne eines wechselseitigen Angewiesenseins. Die Stripperinnen werden zu den heimlichen Dominierenden, zu den (Wortspiel:) Strippenziehern der Karrieren so einiger Rapper.

Roland Barthes hatte in seinen „Mythen des Alltags“ (1957) noch die subtile Desexualisierung und Sublimierung der Stripperinnen festgestellt, wenn diese als Chinesinnen verkleidet exotische Rollen spielten und ihre Körper durch diese Verkleidung „ins Reich der Fabel oder des Romans entrückt“ wurden, um dem plumpen Striptease und sich selbst einen mehr hochkulturellen Anstrich zu verleihen. Ähnliches kann man über die Stripperinnen in amerikanischen Clubs kaum mehr behaupten. Sie erscheinen beim Twerken keineswegs entrückt oder „verfremdet“, sondern fleischig, roh und nah. Keine Erzählung umhüllt sie. Und so erscheinen sie bis zur Lächerlichkeit auf ihren vollkommen sexualisierten Körper reduziert. Wollten die Pariser Herren der 50er-Jahre sich auch beim Striptease ihrer Kultiviertheit versichern, so versuchen viele Rapper gerade das zu vermeiden. Das ist vielleicht der zweite Hinweis darauf, warum Rapper gerne in diese Etablissements gehen: Ihre Rohheit als Männlichkeit kommt hierin am besten zum Ausdruck. Und ihre Macht. Sie kommen ganz einfach, um zu gaffen, und machen auch keinen Hehl daraus. Sie lassen die Frauen zu ihrem Vergnügen tanzen – wohlgemerkt gegen jede Menge Bares, was wiederum ihr Vermögen bestätigt. Das ist sicherlich nicht besser (oder schlechter) als das, was die Pariser gemacht haben, aber vielleicht weniger verlogen. Die Rapper gehen in den Stripclub, um Geld loszuwerden. Das “spending” als Selbstzweck. Da wird nicht gespart. Keine Rücklagen. Irgendwie wird so der Wert des Geldes fast schon ad absurdum geführt.
Nicki Minaj jedenfalls scheint mit dieser Sache kein Problem zu haben und erläutert ganz nebenbei, wie man mit der Apathie der Gaffer gewinnbringend umzugehen hat:

“Ass fat, yeah I know, you just got cash? Blow sum mo’
Blow sum mo’, blow sum mo’
The more you spend it, the faster it go
Bad bitches, on the floor, it’s rainin’ hundreds, throw sum mo’
Throw sum mo’, throw sum mo’, throw sum mo’”

Rae Sremmurd – Throw Sum Mo feat. Nicki Minaj & Young Thug

Wenn man sich dieses bunte Treiben lang genug anschaut, fragt sich vielleicht der ein oder andere, wer denn nun eigentlich von wem ausgezogen wird bzw. wer die Hosen anhat.
Am Ende des Songs von Nicki Minaj wird darauf eine Antwort gegeben. Und zwar von Young Thug. Er ist eine der schillerndsten Erscheinungen der jüngeren amerikanischen HipHop-Kultur, nicht zuletzt weil er bisweilen Frauenkleider trägt und sich hartnäckig das Gerücht hält (das er ziemlich unkommentiert lässt), er sei schwul. Seine Texte sind oft kaum verständlich, aber die letzten beiden Verse sind dann doch recht eindeutig:

“It’s okay if I lie to you, bitch, my swag the truth
Hey, she come right back that’s what them diamonds do
Fifty thousand off fifty niggas, no caliber” (caliber = Schusswaffe)

Die Frau zieht die Männer also ab. Erinnert mich immer wieder an Kill Bill.

Anmerkung:
Wem diese Zeilen immer noch völlig unverständlich sind, kann sich bei RapGenius Hilfe holen. Dort wird fast jede Zeile zahlloser Rap-Songs kommentiert und erläutert.

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