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Antwörter mit Tobias Müller

19. Juli 2015

In seiner Dissertation beschäftigt Tobi sich mit den Beziehungsabbrüchen zwischen Menschen mit Demenz und deren nicht pflegenden Angehörigen. Dafür sucht er Interviewpartner, die selbst einen Beziehungsabbruch zu einem Menschen mit Demenz miterlebt haben oder gerade erleben.

Wann hast du das letzte Mal jemanden überzeugt und von was?

Da gibt es zwei Situationen, die mir einfallen, beide am Wochenende. Ich habe meinen Bruder davon überzeugt, eine Graphic Novel auf Französisch zu lesen. Seine Französischkenntnisse sind rudimentär, und er hatte ziemlich Angst, das zu lesen. Ich habe ihm gesagt, dass da gar nicht so viel Text drin ist, die Bilder schon für sich selbst sprechen und sie grandios geschrieben ist.
Die andere Situation war auch am Wochenende und es ging um den Stellenwert und die Berechtigung der systemischen Therapie neben anderen Therapieformen. Die systemische Therapie sieht den Menschen nicht nur als Individuum, das in sich eine Krankheit trägt, sondern die Krankheit als Produkt der Umwelt, eines Systems. Das Problem liegt also im System, beispielsweise der Familie, und zeigt sich erst einmal an einer Person. Für die Therapie genügt es dann nicht, nur mit dem Patienten zu sprechen, sondern auch das Umfeld muss einbezogen werden. Überzeugt von dem gleichberechtigten Stellenwert der systemischen Therapie habe ich meine Freundin.


Woran glaubst du, was sonst keiner glaubt?

Kein anderer? Das ist natürlich schwierig, ich würde eher sagen: was sonst nur wenige glauben. Natürlich zunächst einmal mein Promotionsthema betreffend: Ich glaube, dass Menschen mit Demenz uns vermeintlich gesunden oder gesellschaftlich „gesund“ gelabelten Personen viel mehr helfen können als wir glauben und als wir zulassen. Nämlich im Sinne einer Menschwerdung, also dass wir durch den Umgang mit Menschen mit Demenz einen gewissen spirituellen – ich bin mir nicht sicher, ob spirituell das richtige Wort ist – Gewinn bekommen können. Über den Kontakt ist es leichter, ins Hier und Jetzt einzutreten und nicht getrieben darüber nachzudenken, was ich morgen mache, was ich gestern gemacht habe, und nur zu funktionieren. Sondern genau im Moment zu sein und nicht so viel nachzudenken. Ich glaube, dass Dementielle uns mit diesen Momenten dabei helfen können, uns menschlicher zu machen.

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Die zweite Sache krieg’ ich noch nicht so richtig in Worte gepackt. Ich versuche es mal: Buber, auf den ich mich auch in meiner Arbeit beziehe, unterscheidet geordnete Welt und Weltordnung – das Funktionieren des Menschen, die Orientierung in Zeit und Raum ist die geordnete Welt. Norm, Werte, Gesetze und so weiter. Das ist natürlich wichtig, um zu funktionieren, aber sobald wir uns darin bewegen, reduzieren wir Informationen. Beispielsweise indem wir von Wochentagen ausgehen und Wochen erst einmal kreieren. Was ist denn eigentlich eine Woche, was ist ein Montag? Ein Konstrukt, das wir uns ausdenken und das uns hilft, uns zu orientieren. Aber wenn es keine Montage gäbe, wäre im Grunde nichts anders, außer dass wir nicht mehr wissen würden, wann das Wochenende vorbei ist. Das wäre tragisch für uns.

Aber im Prinzip führt das dazu, dass wir durch die Informationsreduktion, die wir vornehmen, um uns einen Überblick zu verschaffen und um uns handlungsfähig zu halten, glauben, dass manche Dinge statisch sind oder überhaupt Dinge. So vergessen wir, dass wir in einem konstanten Fluss und Prozess sind. Wenn wir uns davon lösen würden, würden wir Tage, Wochen und Zeit nicht mehr so stark objektivieren. Wenn wir zur Demenz zurückgehen, wäre es dann nicht mehr der Mensch mit Demenz. Denn sobald ich ihn so sehe, nehme ich ihn auch nur noch so wahr, dann nehme ich nur noch die Symptomatik wahr, die Demenz, nicht mehr den Menschen. Ich glaube, wir machen den Fehler, bestimmte Dinge als Dinge wahrzunehmen, die eigentlich keine Dinge sind. Obwohl uns das manchmal hilft, als Gesellschaft zu funktionieren, denke ich, dass man dies als solches reflektieren muss. Wenn ich die Dinglichkeit, die ich etwas zuschreibe, reflektiere und mich davon lösen kann, dann kann ich auch wieder über den Tellerrand dieses Alltags blicken.


Wie hast du heute Morgen deine ersten fünf Minuten verbracht?

Meine ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen habe ich ziemlich genervt verbracht, damit, meinen Hund davon zu überzeugen, dass es noch nicht Zeit ist, aufzustehen. Er hat das zwangsläufig akzeptiert. Das ging von Verwunderung – ich bin wach, warum du nicht –, über Empörung bis zum Betteln – ich verhungere – und schließlich wieder zum Einschlafen.
Nach dem Aufstehen dann mit Anziehen, Wasser ins Gesicht, Glas Wasser getrunken, und dann habe ich dem Hund Futter gemacht.


Welche Frage würdest du an dieser Stelle stellen und wie würdest du sie beantworten?

Ich würde wahrscheinlich fragen – einfach weil das eine Frage ist, die mich gerade umtreibt: Wenn man dir deinen Job nehmen würde, dich von deinem Freundeskreis isolieren würde und das Drumherum, was um dich ist und worüber wir uns identifizieren können, wegfallen würde, was bleibt dann eigentlich übrig? Was macht dich aus?
Und auf die vermutete nächste Frage hin, dass ich diese Frage nun beantworten soll: Ich weiß es nicht. Ich bin gerade dabei, das für mich zu klären.


Gastfrage: Wovor hast du Angst?

Das trifft ja natürlich ganz viele Ebenen. Vordergründig erst einmal vor Hornissen. Aber eigentlich davor zu versagen, also klassische Versagensängste. Was nicht unbedingt heißt, zu scheitern, denn ich habe das Gefühl, scheitern ist ok, wenn man sich nur so richtig Mühe gibt. Was sicherlich auch nicht die gesündeste Einstellung ist.
Scheitern ist für mich mehr so projektartig und man hat vielleicht noch einen Plan B. Versagen ist, glaube ich, wenn man wirklich einen Plan, eine Vorstellung, eine Vision, eine Idee hatte und diese zerbricht und man nicht weiß, wie es weitergeht. Nicht mal jemandem gegenüber zu versagen, sondern hauptsächlich mir selbst gegenüber.
Vielleicht ist das gekoppelt an die Frage, die ich gestellt habe. Wenn man alles wegnimmt, was bleibt dann übrig? Ich glaube, dass der Zustand besonders beängstigend ist, wenn man nicht weiß, was man im Kern an sich selbst hat oder ist. Dass da irgendetwas ist, ist klar, aber wenn das nicht klar ist, sondern irgendwie diffus, ist das Versagen noch viel beängstigender.


Welches Foto aus deinem Leben magst du besonders?

Tobi wünscht sich als Bild eine Ente. Ich habe mein Bestes getan.
#istdaseineEnte?

SplitShire

Bird Underwater © Splitshare

Lust bekommen von Tobi interviewt zu werden?

Tobi sucht weiterhin nach Interviewpartnern für seine Dissertation, die sich mit den Beziehungsabbrüchen zwischen Menschen mit Demenz und deren nicht pflegenden Angehörigen beschäftigt.

Wenn du bereit bist, mit ihm darüber zu sprechen, schreib uns unter hallo(at)akteur-magazin.de oder direkt an tobiasamueller(at)gmail.com.

PS: Tobi ist toll, sein Projekt will was Gutes und ein Kaffee springt im besten Fall auch noch für euch raus!

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