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akteur - geschehen machen
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„Alles, was der Kopf hergibt“

20. Mai 2015

Der akteur hat sich mit Christian Knieps darüber unterhalten, wie man gleichzeitig in drei Literaturprojekten mitmischen kann, dabei den Spaß an der Orga nicht verliert und wieso man bei gefühlten 300 Literaturzeitschriften die 301. ins Leben rufen muss.

akteur: Was war für dich die Initialzündung, um dich mit Literaturzeitschriften auseinanderzusetzen?

Ich schreibe seit 2005, und ich habe irgendwann angefangen zu überlegen, wohin man die eigenen Texte schicken kann, und zufällig habe ich dann den Dichtungsring hier in Bonn gefunden, den es seit 1981 gibt. Und die suchten nach Mitarbeitern. Ja, und inzwischen bin ich da Mitglied im Vorstand und für Satz und Layout der Veröffentlichungen zuständig und ich kümmere mich auch um den Literaturpreis, den wir jetzt seit letztem Jahr vergeben.


akteur: Und neben dem Dichtungsring betreust du noch zusätzlich zwei Zeitschriften?

Ja, einmal im Jahr beim Dichtungsring eine Ausgabe einer Literaturzeitschrift herausgeben, das kann man schon machen, aber das hat mir nicht gereicht. Und dann habe ich gedacht: Dann mach ich halt mein eigenes Ding und ich habe Die Novelle gegründet. Dafür habe ich mir noch ein paar Leute dazugesucht, und jetzt sind wir zu viert in der Redaktion. Die Novelle ist ein Blatt für experimentelle Kunst, sehr offen im Genre, und was wir gerne haben, sind Vermischungen von Themen, Versuche, Fotos mit Literatur zu verbinden. Also wir suchen alles, was der Kopf hergibt, und je spezieller, desto besser. Und als Hobby im Hobby habe ich dann noch die Zeitschrift Kein Firlefanz, die ich auch alleine betreue.


akteur: Du hast VWL und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, eigentlich die optimale Qualifikation, um deine Projekte professionell aufzuziehen und in der Buchbranche durchzustarten.

Schon, aber ich möchte eigentlich nicht im Literaturbetrieb selber sein, sondern so eine Art Nischenposition für mich selbst finden. Mir reicht es eigentlich, Sachen zu machen, ohne jetzt groß in dieses Räderwerk der Literatur reinzumüssen.

Christian Knieps

akteur: Also mehr Hobby als professionelle Ambition?

Ja, das ist vor allem Hobby. Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich einen Verlag gründen will, ob ich die ganzen Themen ambitioniert angehen möchte. Die Idee mit dem Verlag ist noch nicht weg, aber sie ist nicht mehr so brennend. Ich habe einen gutbezahlten Job, der mir sehr viel Spaß macht. Und ich meine, es ist besser, in ein Hobby zu investieren, das man steuern kann und das nicht von anderen Dingen abhängig ist, das lässt einem mehr Freiraum, Sachen machen zu können, die nicht „normal“ sind. Dann kann es dir egal sein, ob der Markt das gerade haben will, du kannst es einfach tun. Und ohne ein finanzielles Interesse kannst du völlig frei agieren. Also klar, die Projekte kosten mich alle etwas, nur bei der Novelle ist es zurzeit so, dass wir ungefähr bei einem Nullsummenspiel angelangt sind.


akteur: Kannst du kurz über die technischen Details bezüglich Gründung und Orga einer Literaturzeitschrift sprechen?

Durch das Internet sind die Hürden zur Gründung viel weniger geworden. Am Anfang muss eine Idee stehen, was man überhaupt machen möchte; der nächste Schritt ist, dass man eine Ausschreibung braucht, die man im Internet an den bekannten Plätzen platziert, beispielsweise bei Uschtrin. Am besten orientiert man sich wegen der Formatvorgaben an bestehenden Ausschreibungen. Darüber hinaus braucht man auf jeden Fall eine Webpräsenz. Ist das Projekt größer, brauchst du natürlich ein paar Leute für eine Redaktion, die sich jeweils auf speziellen Gebieten auskennen. Da habe ich zum Beispiel das unglaubliche Glück, dass ich Sarah kennengelernt habe, die graphisch tolle Arbeit leistet. Sie macht das Cover und das Innen-Layout von der Novelle. Jedes Mal, wenn ich das am PC sehe, brauche ich ein paar Sekunden, bis ich das verdaut habe, weil ich das so geil finde. Ja, und dann stellt sich die Frage: Wie will ich denn drucken? Mittlerweile, und das ist ja das Schöne und das nutze ich auch exzessiv, gibt es ja Print on Demand. Solche Konzepte führen ja dazu, dass ich keinerlei Risiko habe. Und wenn jemand dann meine Zeitschrift haben will, dann kann er sie dort anfordern. Wichtig ist noch die Entscheidung, ob man am Anfang ein Belegexemplar an die Autoren ausgeben will. Denn das sind die Kosten, die einem wehtun. Wenn man sich dann online bei den zuständigen Ämtern registriert, dann kriegt man eine ISSN-Nummer, mit der man gelistet ist. Oder man lässt sich beim Print-on-Demand-Verfahren jedes Mal eine ISBN-Nummer geben. So mache ich es. Wichtig zu wissen ist noch, dass einige Exemplare abgegeben werden müssen, u. a. an die Deutsche Nationalbibliothek. Ich muss zum Beispiel aktuell pro Ausgabe 10 Exemplare an verschiedene Institutionen abgeben.


akteur: Und wieso braucht es bei gefühlten 300 Literaturzeitschriften überhaupt die 301. Zeitschrift?

Weil ich bei Ausschreibungen sehe, wie viele Schreiberlinge es dort draußen gibt, die einen Platz suchen für ihre Texte, und da sind auch sehr viele sehr gute Sachen dabei. Und ich finde, in dem Moment, in dem jemand schreibt, reflektiert derjenige, er produziert etwas, das Menschen glücklich machen kann. Und in der Zeit kann man eigentlich nichts Falsches machen. Und ich möchte solchen Leuten einfach einen Ort für die Diskussion über Literatur bieten. Und das ist der Grund, wieso jede Literaturzeitschrift, wenn sie ernst gemeint ist, nur positiv sein kann. Und du kannst mit all den Angeboten im Internet dein Projekt relativ anonym und autonom vom Literaturbetrieb machen, kannst dort Perlen fördern und finden, die du vielleicht in diesem großen Betrieb nicht immer findest.


akteur: Wie sieht die Zukunft deiner Projekte aus?

Beim Dichtungsring versuchen wir uns mit dem Bonner Literaturpreis zu konsolidieren und mehr Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Bei der Novelle sind wir uns irgendwie alle noch unsicher. Wir würden schon gerne einen Verlag daraus machen, aber das ist noch in der Schwebe. Wollen wir ein gemeinnütziger Verein sein? Wollen wir das ehrgeiziger aufziehen und uns mit Mehrwertsteuer und solchen Dingen herumschlagen? Das sind die Gespräche, die wir gerade so führen. Ja, und Kein Firlefanz ist nur ein Spaßprojekt, sozusagen das Hobby des Hobbys.

Die Novelle
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